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Filmkritik: A Serious Man

abgelegt unter: Film von Enk am 02.02.2010

(C) Focus Features

“The answer? Sure! We all want the answer! But Hashem doesn’t owe us the answer, Larry. Hashem doesn’t owe us anything. The obligation runs the other way.”

Der neue Film von Ethan und Joel Coen ist eine deutliche Abkehr vom letzten Werk Burn after Reading: Statt Starbesetzung mit Clooney, Pitt und Malkovitch ein eher unbekannter Cast. Statt leichtfüßiger Komödie eine trist-deprimierende Geschichte. Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) ist ein College-Lehrer aus einer jüdischen Vorortsiedlung im Amerika der sechziger Jahre, dessen Leben langsam aus den Fugen gerät. Larry ist ein klassischer Loser: seine Frau will sich scheiden lassen, seine Kinder tanzen ihm auf der Nase herum, und an der Uni ist seine Karriere in Gefahr, weil er von einem Austauschstudenten erpresst wird. Warum gerade ihm soviel Unglück zustößt, läßt Larry keine Ruhe. Obwohl er als Physikdozent anhand von Schrödingers Katze und Heisenbergscher Unschärferelation seinen Studenten klar macht, dass es manchmal keine absoluten Wahrheiten gibt, sucht er für sein persönliches Schicksal klare Antworten und einleuchtende Erklärungen bei den Gemeinderabbis. Doch auch die verschiedenen Rabbis haben für ihn nicht mehr parat als sinnfreie Gleichnisse und hausfrauenpsychologische Weisheiten.

Die Coens lassen das jüdisches Kleinstadtamerika der sechziger Jahre in voller Blüte auf der Leinwand erscheinen: Jüdische Riten und Gebräuche, religiöse Verhaltensweisen und Fachtermini werden ungefiltert auf den Zuschauer losgelassen. Schon in der wirren Einführungssequenz wird minutenlang auf jiddisch parliert. Die Ausstattung des sechziger Jahre Kleinstadtamerikas wirkt sehr authentisch. Was leider auch für den nervigen Soundtrack gilt.

Dem Zuschauer geht es dabei allerdings wie Hauptdarsteller Larry - auf die Frage nach dem Warum und nach dem Sinn des Ganzen gibt es nur bedeutungsschwangere Andeutungen statt Antworten. Vermeintliche Parabeln über in Zähne eingravierte Botschaften Gottes oder ein irrelevanter Vorfilm verlieren sich im nichts. In gewisser Weise machen die Coens nichts anderes als die diversen Rabbis im Film, die mit scheinbar vielsagenden Gleichnissen und Parabeln darüber hinwegtäuschen wollen, dass sie auch keine Antwort auf die großen Fragen und den Sinn des Ganzen haben, außer der Platitüde, dass die eigenen Handlungen Konsequenzen haben, die Wege des Herrn ansonsten aber unergründlich sind.

In dieser Beziehung ist die Analogie zum atmosphärisch völlig entgegengesetzten Burn after Reading bemerkenswert - Was die beiden Filme gemeinsam haben, ist dass sich die Suche nach der tieferen Bedeutung und dem Sinn im Nichts verliert. Während diese Auflösung bei Burn after Reading aber eine witzige Pointe war, wirkt sie im schwermütigen A Serious Man eher wie die Lustlosigkeit der Coens, ihren skurrilen Geschichten einen stimmigen Rahmen zu geben. Statt mühseliger Konstruktion einer durchdachten Geschichte gefällt man sich lieber in der spleenigen Aneinanderreihung von schrägen Charakteren und skurrilen Nebenschauplätzen, und arbeitet ansonsten halbautobiographisch die eigene jüdisch geprägte Kindheit auf. Handwerklich ist das zwar sauber umgesetzt: Inszenierung und Kameraführung sind sehenswert, und es gelingen immer mal wieder sehr schöne Einstellungen. Aber die Coens begehen dabei die Todsünde des Filmeschaffens: den Zuschauer zu langweilen.

A Serious Man, USA 2009 - deutscher Kinostart: 21.1.2010
3 Punkte


Hier im Dschihadrevier

abgelegt unter: TV von Enk am 30.01.2010

Man muss Oliver Welke nicht mögen, aber was er mit der heute show im ZDF auf die Beine stellt, ist für deutsche Comedy erstaunlich lustig. Natürlich ist Welke nicht Jon Stewart, und in der Show gibts eine Menge Peinlichkeiten, vor allem die bei Switch eigentlich sehr gute Martina Hill macht hier eine eher unlustige Figur. Aber für deutsche Verhältnisse ist die Show überraschend professionell gemacht, und es gelingen mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder gute und bissige Pointen - wie z.b. gestern der Trailer für die neue Vorabendserie “Dschihadrevier“:

update: Auf Youtube ist das Video mittlerweile nicht mehr verfügbar, bei der ZDF Mediathek gibts aber die ganze Sendung. Das Dschihadrevier beginnt ab 20:18.

Wer das Original nicht kennt, klickt hier.


Filmkritik: Burn after Reading (Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?)

abgelegt unter: Film von Enk am 29.01.2010

(C) Focus Features

“Schätze, wir sollten es nicht wiederholen … wenn ich nur wüsste, was wir eigentlich getan haben”

Wenn man den Coen-Brüdern etwas nicht vorwerfen kann, dann mangelnde Abwechslung. Vom völlig überschätzten Slacker-Kultfilm The Big Lebowsky bis zum oscar-gekrönten epischen Meisterwerk No Country for Old Men haben sie schon so einige Genres durchgespielt. Mit Burn after Reading haben sie sich an einer Art Agenten-Krimi-Komödie versucht: Ozzie Cox (John Malkovitch) ein minder wichtiger CIA-Angestellter, verliert seinen Job und beschließt, seine Memoiren zu schreiben. Durch eine Verkettung von Zufällen gelangen die Fitness-Trainer Chad (Brad Pitt) und Linda (Frances McDormand) an eine Kopie und versuchen, die vermeintlich brisanten Daten zu Geld zu machen. Währenddessen vergnügt sich Cox Frau Katie (Tilda Swinton) mit dem Ex-Personenschützer Harry (George Clooney), der wiederum das Gefühl nicht los wird, beschattet zu werden.

Das bemerkenswerte an Burn after Reading ist sicher der Mut zur Häßlichkeit und die Bereitschaft, unsympathische Figuren zu verkörpern, was für ziemlich den gesamten hochkarätigen Cast gilt: Von George Clooney als bärtigen Frauenheld mit schlecht sitzender Jeans und bizarren Heimwerker-Ambitionen, über Tilda Swindon als kühl-intrigante Ehefrau, bis zu Frances McDormand als verhärmte Fitnesstrainerin mit dringendem Wunsch nach kosmetischer Chirurgie. Leider neigen fast alle Schauspieler dabei zu heftigem Over-Acting, ganz besonders Brad Pitt als leicht zurückgebliebener blondierter Fitness-Trainer überzieht seine Rolle ganz gehörig. Einzig John Malkovitch überzeugt in dem illustren Ensemble schauspielerisch wirklich.

Die Stimmung von Burn after Reading, in der leicht schräge Figuren eine wirre, nicht nach den üblichen Konventionen verlaufende Geschichte durchleben, erinnert ein wenig an das Coen Werk Fargo (in dem Frances McDormand auch schon eine Hauptrolle spielen durfte und dafür den Oscar bekam). Trotz kurzer 90 Minuten Spielzeit hat die überdrehte Agenten-Farce allerdings einige Längen. Es dauert eine ganze Zeit, bis die Sache in Bewegung kommt, und schon weit vor dem Ende ist abzusehen, in welche Richtung die Geschichte läuft. Auch wenn die Auflösung, in der sich buchstäblich alles auflöst, sehr charmant ist.

Burn after Reading (Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?), USA, Großbritannien, Frankreich 2008 - deutscher Kinostart: 2.10.2008
6 Punkte


Filmkritik: The Hurt Locker (Tödliches Kommando)

abgelegt unter: Film von Enk am 25.01.2010

“If he wasn’t an Insurgent he sure the hell is now”

Und wieder ein Film über den Irak-Krieg. Und wieder sieht der Film so aus, wie Kriegsfilme heute nun mal aussehen: unruhige Handkamera, hektisches Heranzoomen, Close-ups, Fake-Dokustil.

Regisseurin Kathryn Bigelow verzichtet auf langwierige Einführung und Storyaufbau, der Zuschauer wird gleich mitten in die Kampfzone in Bagdad geworfen und wird Zeuge einer Bombenentschärfung auf einer Hauptverkehrsstraße: Wir folgen den Einsätzen der Bravo Company, die im Irak als Kampfmittelräumdienst für Bombenentschärfung zuständig ist. Der erste Spezialist ist in einer Explosion gestorben, und der neue Bombenexperte Seagent James (Jeremy Renner) legt einen sehr unorthodoxen Arbeitsstil an den Tag. Er agiert nicht übervorsichtig und vorausschauend, wie es der Aufgabe entsprechen würde, sondern geht jedes Risiko ein und spielt mit seinem Leben und damit auch mit dem Leben seiner Kameraden. Und gerät damit zwangsläufig in Konflikt mit Seargent Sanborn (Anthony Mackie), der seine Truppe die letzten 40 Tage ihres Irak-Einsatzes unverwundet überstehen lassen will.

Bigelow läßt sich extrem viel Zeit für die Entwicklung ihrer Szenen, sei es beim Entschärfen einer Autobombe, während auf den Häuserdächern die Irakis zuschauen und mit der Videokamera mitfilmen, oder beim Scharfschützen-Duell in der staubigen Wüste. Die Stimmung ist ruhig und angespannt, und immer wieder lauert aus dem Hinterhalt der Tod, schlägt fast zufällig und beliebig zu. Das epische Erzähltempo führt zu über 130 Minuten Spielzeit, die aber bis zum Ende packend inszeniert sind. Erstaunlich, dass Bigelow aus dem eigentlich eher ausgenudelten Filmklischee “Bombenentschärfung”, das in jedem zweiten Actionstreifen der letzten Jahrzehnte vorkommt (”roter oder blauer Draht?”… “noch 5 Sekunden bis zur Detonation”), eine derartige Spannung ziehen kann. The Hurt Locker erzählt dabei keine wirkliche Geschichte, es gibt keine große Dramaturgie außer dem Countdown, der die Tage bis zum Ende des Irak-Einsatzes der Bravo-Kompanie zählt. Der Film wirkt eher wie ein beliebiger Ausschnitt aus dem Kriegsgeschehen, ein Monat live im Irak, unterlegt mit einem brachialen Soundtrack von Industrial Krachmachern Ministry.

Was einen (bösen) Kriegsfilm nun von einem (guten) Antikriegsfilm unterscheidet, ist seit jeher eine eher theoretische Diskussion: In beiden (Sub-)Genres sieht man grimmige Soldaten durch Wald oder Dschungel schleichen, überall explodierts und knallts, nur das beim Antikriegsfilm statt hurrapatriotischer Heldenverehrung desillusionierte Protagonisten das Geschehen bestimmen. Kathryn Bigelow bezieht erst gar keine Stellung zur Legitimation des US-Feldzuges, entzieht sich einer politischen Bewertung und zeigt schlicht das Kriegsgeschehen ohne Anfang und ohne Ende. Was dadurch alleine schon ein politisches Statement ist: Das ganze Geschehen im Irak wirkt sinnlos und ohne tiefergehende Mission oder Ziel: Die US-Truppen sind nicht die Beschützer, sondern werden von den Irakis mistrauisch beäugt. Die Irakis machen nicht den Eindruck, als wollten sie von den Amerikanern befreit werden. Ein sinnloser Krieg, was den desillusionierten Soldaten auch klar ist. Jeder will nur raus aus dieser feindlichen Umgebung. Nichts heldenhaftes oder glamouröses haftet dem Tun der Soldaten an, sondern nur sinnloses Töten und Sterben.

Wobei der Kern von Bigelows Film nicht das übliche platte “Krieg ist doof” ist, ganz im Gegenteil: Für den Protagonisten William James ist der Krieg das einzige, was seinem Leben einen Antrieb gibt, wenn auch nicht als heroisch-patriotische Heldenpflicht, sondern als schlichter Adrenalinkick: Am Ende steht der Protagonist, der im Irak über Leben und Tod in Sekundenbruchteilen entschieden hat, vor einem riesigen Supermarktregal voller verschiedener Cornflakes-Packugen und ist überfordert mit der Auswahl. Und wünscht sich konsequenterweise in den Krieg zurück, mit dem er deutlich besser klar kam.

Jeremy Renner verkörpert die undurchsichtige Figur des lebensmüden und kriegshungrigen William James großartig, auch die übrigen Rollen sind gut besetzt. Etwas verschenkt wirkt Ralf Fiennes mit einem überraschend kurzen Gastspiel als britischer Söldner. Bei den Golden Globes ging The Hurt Locker erstaunlicherweise leer aus. Man darf gespannt sein, ob Bigelow bei den Oscars gegen den alles überstrahlenden Blockbuster Avatar ihres Ex-Mannes James Cameron eine Chance hat. Verdient wäre es.

The Hurt Locker (Tödliches Kommando), USA 2008 - deutscher Kinostart: 13. August 2009.
8 Punkte


Filmkritik: Surrogates (Surrogates - Mein zweites Ich)

abgelegt unter: Film von Enk am 21.01.2010

(C) Touchstone Pictures

“I don’t want you to go out without your Surrie ever again”

Neben Avatar und Gamer ist mit Surrogates gleich der dritte Sci-Fi-Blockbuster am Start, der von Menschen handelt, die sich über ferngesteuerte Stellvertreter bewegen. Anders als Avatar spielt Surrogates aber nicht in einer fantastischen fremden Welt, sondern in nicht allzu ferner Zukunft auf der Erde: Im Jahr 2017 gehen die Menschen nicht mehr selber aus dem Haus, sondern steuern von zuhause aus einen menschenähnlichen Robotor, einen Surrogaten (oder für Freunde auch “Surry”), der für sie zur Arbeit geht. Der Surrogat ist die perfekte Version des eigenen Ichs: gutaussehend, robust und kräftig. Gesteuert werden die Surrogates durch eine Art Ganzkörperkonsole, mit deren Hilfe man über den Surrogaten lebensecht sehen, hören und fühlen kann. Die Welt von Surrogates wirkt dabei ein wenig wie ein Remake von I Robot, auch wenn Konzept und Story abweichen: Es wimmelt von Robotern und Androiden, und nie weiss man genau, wer jetzt echt ist und wer nicht. Neben menschlich perfekt aussehenden Surrogaten gibt es auch einfache Versionen, die tatsächlich aussehen, als wären sie aus dem Set von I Robot übriggeblieben.

Seit Aufkommen der Surrogaten ist die Verbrechensrate in der Gesellschaft drastisch zurückgegangen, vor allem Mord kommt kaum noch vor, da maximal “Sachschaden” entsteht, wenn mal wieder ein Surrogat umgebracht wurde und durch einen neuen ersetzt werden muss. Bei einem Überfall auf zwei Surrogaten entdeckt Polizist Tom Greer (Bruce Willis) allerdings, dass es eine mysteriöse neue Waffe gibt, die nicht nur den Surrogaten, sondern gleich auch den fernsteuernden Menschen dahinter auslöscht.

Auch Greer arbeitet natürlich nicht persönlich, sondern mit Hilfe einen Surrogaten, so dass wir Willis, einmal als “echten” Menschen, unrasiert und glatzköpfig, zu sehen bekommen, und einmal als perfekte Version mit blonder Haarpracht und glatter Haut. Willis Surrogat ist hart im Nehmen, und wenn ihm bei einer Verfolgungsjagd einmal der Arm abgerissen wird und er nach einem Helikopter-Absturz weiter unbeirrt den Tatverdächtigen jagt, erinnert das ganze schon recht eindeutig an die Terminator Filme (von denen Surrogates Regisseur Jonathan Mostow ja auch Teil 3 inszeniert hat).

Irgendwie hat man das alles schon einmal gesehen: böse Konglomerate, die die Gesellschaft mit ihrer neuen Technik beherrschen, unverwüstliche Roboter, die nicht totzukriegen sind, das Wechselspiel zwischen künstlichen Lebensformen und echten Menschen. Aber Surrogates schnürt aus den bekannten Bauteilen ein durchaus unterhaltsames Paket: Einen Sci-Fi Blockbuster, auf Hochglanz produziert, mit herausragenden Schauwerten. Anders als andere Blockbuster erstarrt Surrogates dabei nicht in Effekt- und Actionorgien, die zwei bis drei längeren Actionszenen drängen sich nicht in den Vordergrund oder ersetzen relevante Handlung.

Die Grundidee, das das Leben zu gefährlich ist, um selber das Haus zu verlassen, und man deshalb besser einen Stellvertreter nach draußen schickt, ist gar nicht mal so haarsträubend. In Zeiten von Sicherheitshysterie, “war on terror” und Angst vor ausufernder Kriminalität hätte die Surrogat-Technik vermutlich schnell viele Anhänger. Die Szene, in der Agent Greer das erste Mal wieder als echter Mensch die Straße betritt und von den vermeintlichen Bedrohungen der Alltagswelt ängstlich an den Häuserwänden entlangschleicht, ist eine schöne Metapher auf den aktuellen Sicherheitswahn.

Allerdings ist das Konzept von Surrogates nicht so ganz schlüssig. Am ehesten glaubwürdig ist die Surrogat-Geschichte noch beim Militär, wenn bei einer “Friedensmission” im Feld nur noch Roboter im Einsatz sind, und die eigentlichen Soldaten in einem riesigen Rechenzentrum ihre Avatare fernsteuern - und wenn ein Avatar tödlich getroffen ist, wird einfach der nächste aus dem Truppentransporter aktiviert. Die Zivilgesellschaft hingegen, die nur noch von Avataren bevölkert ist, wirkt weit weniger überzeugend. Bei der Darstellung einer Zivilisation, in der die “echte” Hälfte zuhause in einem Steuerungscomputer sitzt und die andere künstliche Hälfte zur Arbeit geht oder abends in der Disco tanzt, läßt zu viele Ungereimtheiten und offene Fragen zurück, um wirklich glaubwürdig zu sein. Etwa wie die echten Menschen überhaupt überleben können, wenn sie den größten Teil des Tages unbeweglich in der Steuerungskonsole für ihren Avatar dahinvegetieren. Oder warum durch die Surrogate auf einmal die Verbrechensrate drastisch nach unten gegangen ist, man könnte auch das Gegenteil erwarten, da niemand mehr “persönlich” irgendwo einbrechen muss. Auch die Idee von hermetisch abgeriegelten “Reservaten”, in denen die Gegner der Surrogat-Technik sich zurückgezogen haben, um unter “echten” Menschen zu leben, überzeugt nur so mittel (das Reservat hat allerdings was vom Metropolis-turned-Gefängnis aus “Escape from New York”).

Bohrt man nicht allzu sehr in diesen Ungereimtheiten herum und läßt sich auf die Idee von Surrogates ein, ist das ganze solide Sci-Fi-Unterhaltung. Der Show-Down wirkt ein wenig überhastet, führt aber noch zu ein paar netten Szenen, wenn das Surrogat-Netzwerk plötzlich zusammenbricht.

Surrogates (Surrogates - Mein zweites Ich), USA 2009 - deutscher Kinostart: 21.01.2010
7 Punkte


Filmkritik: Avatar (Avatar - Aufbruch nach Pandora)

abgelegt unter: Film von Enk am 19.01.2010

“Hoffentlich wird dieser Mein-Freund-der-Baum Scheiß nachher nicht abgefragt”

James Cameron hat sich lange Zeit gelassen, um nach Titanic seinen nächsten Blockbuster an den Start zu bringen. Schade, dass er die Zeit nicht genutzt hat, um ein vernünftiges Drehbuch zu schreiben. Avatar kommt daher wie eine krude Mischung aus Jurassic Park, Starship Troopers und Der mit dem Wolf Tanzt, und erzählt dabei einen sehr schlichten Plot: Das naturverbundenes Alien-Volk der “Na’vi” wird von den bösen Menschen bedroht, die die Rohstoffe ihres Heimatplaneten schamlos ausbeuten wollen. Ein Soldat, der sich bei den Na’vi einschleichen soll um sie auszuspionieren, verliebt sich dabei in die Tochter des Stammesältesten und freundet sich mit der Welt der Na’vi an … und der Rest der Story verläuft genauso vorhersehbar wie befürchtet.

Die Darstellung der Na’vi beinhaltet dabei in bester Hausfrauen-Ethno-Esoterik so ziemlich jedes Indio/Indianer/Eingeborenen-Klischee das man kennt, und ist weit über die Schmerzgrenze hinaus kitschig und völlig ironiefrei inszeniert. Unfreiwillig komisch wird das ganze, wenn etwa das gesamte Völkchen um einen Leuchtbaum herum singend meditiert um eine Kranke zu heilen (don’t ask) - da gabs mal eine Magnum-Werbung, in der ein Indio-Volk einen Eisriegel anbetet, das kam weniger peinlich rüber. Dieser Ethno-Brei scheint sich - wie der Batzman so schön schreibt - an Leute zu richten, die “ihr Geld freiwillig für Indianer-Häuptlingszitat-Poster, Fantasyplakate mit galoppierenden Einhörnern, vor dem Mond springende Delphine, traurige Harlekine, Panthergipsbüsten, Traumfänger, Räucherkerzen und Walgesangs-CDs ausgeben”.

Man könnte über den schlichten Plot ja noch hinwegsehen, wenn er nicht mit einer solch distanzlosen Ernsthaftigkeit durchgezogen worden wäre: Mit triefendem Pathos aufgeladene unfreiwillig komische Dialoge, Charaktere aus dem Klischeebaukasten, eine Dramaturgie die schon bei Karl May nicht mehr ganz taufrisch war.

Auf der anderen Seite ist Avatar eine Offenbarung: Technisch brillant in Szene gesetzt in einem einzigen Farb- und Lichtrausch, bietet Cameron dem Zuschauer gleich zwei fantastische Bildwelten zum Preis von einer: Zum einen ist da die kühle militärische Sci-Fi Umgebung der Menschen, mit imposanten Kampfmaschinen, Flugeräten und futuristischen Labors (faszinierende Monitore, by the way), ein Traum für jeden Sci-Fi Fan. Zum anderen die farbenfrohe Dschungelwelt der schlumpfigen Naavii, mit filigraner in allen erdenklichen Farben schimmernder Pflanzenwelt bewachsen, und mit allerlei dinosaurierartigem Getier zu Lande zu Wasser und in der Luft bevölkert, atemberaubend visualisiert.

Der visuelle Eindruck wird durch die 3D-Technik noch deutlich imposanter, gerade weil Cameron die 3D-Geschichte nicht mit dem Holzhammer einsetzt: Im Dschungel schwenken sich die Farne in den Raum, flirren die Insekten vor der Leinwand her und saust der Protagonist auf Fuchur einem Flugdrachen in die Tiefe. Es fliegen aber zwecks Effekthascherei nicht ständig irgendwelche virtuelle Gegenstände in den Zuschauerraum, noch sitzt der Zuschauer achterbahnmäßig selber auf dem Flugdrachen. Allerdings überzeugt mich die Technik mit den nervigen Brillen generell noch nicht hunderprozentig. Das was man an räumlicher Tiefe gewinnt, verliert man an Schärfe und Klarheit - zum Rand hin flimmert und verschwimmt der Bildeindruck, und gesund ist das ganze bestimmt auch nicht, wenn einem schon nach den ersten fünf Minuten leicht schwindelig wird.

Die schauspielerische Leistung in Avatar ist schwierig zu bewerten, da die Schauspieler die meiste Zeit unter virtuellen Alien-Kostümen agieren. Das was man von Sam Worthington und Sigourney Weaver sieht, ist aber zumindest solide.

Als Technikdemo ist Avatar absolut beeindruckend, wenn auch in einigen Szenen ein wenig zu aufdringlich und selbstverliebt daherkommend, das schreit manchmal geradezu nach “Guckt mal, das können wir auch”. Auch wenn die Story platt bis ärgerlich ist, zieht einem die Bilderflut über die zweieinhalb Stunden Spielzeit kontinuierlich in den Bann. Der passende Fake-Ethno Soundtrack von James Horner tut dazu sein übriges. Und den fantastische Show-Down hat James Cameron wirklich gut und rasant inszeniert: Ein grandioser Endkampf mit Explosionen, Getöse und allem, was der CGI-Baukasten hergegeben hat, dem man dennoch dramaturgisch jederzeit folgen kann. Eine Tugend, die bei den hektisch geschnittenen Action-Orgien aktueller Superheldenfilme leider keine Selbstverständlichkeit ist.

Avatar (Avatar - Aufbruch nach Pandora), USA 2009 - deutscher Kinostart: 17.12.2009
6 Punkte


Filmkritik: Did You Hear About the Morgans? (Haben Sie das von den Morgans gehört?)

abgelegt unter: Film von Enk am 17.01.2010

(C) Columbia Pictures

“Howdy!”

Ich mag ja Hugh Grant. Auch wenn er mit ganz wenigen Ausnahmen seit Four Weddings and a Funeral immer die gleiche Rolle spielt: die des leicht trotteligen Schönlings, der sich unbeholfen aber gut frisiert in die Herzen der Frauen stottert. In seiner neuen rom-com treibt er es damit aber eindeutig zu weit und wirkt mit seinem penetranten Stottern, Stirnrunzeln und hilflosen Gesten wie eine (schlechte) Parodie auf sich selbst.

Die Story von Did You Hear About the Morgans ist das altbewährte Fish-out-of-Water Prinzip - diesmal: zwei New Yorker Großstadt-Yuppies verschlägt es zu den Rednecks ins tiefste Wyoming. Meryl und Paul Morgan (Sarah Jessica Parker und Hugh Grant), eine erfolgreiche Immobilienmaklerin und ein Rechtsanwalt, stehen kurz vor ihrer Scheidung. Nachdem sie zufällig Zeugen eines Mordes geworden sind, werden sie im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes gemeinsam in die Provinz gebracht, wo sie ohne Handy und Internet nur mit sich, der Natur und den schrulligen Dorfbewohnern beschäftig sind, allen voran dem knorrigen Sheriff-Pärchen, bei dem sie einquartiert sind. In Ray, Wyoming wimmelt von Grizzly-Bären, Cowboy-Hüten und Country Music, und statt mit ihren glamourösen New Yorker Job versuchen sich die Morgans in Schießen, Reiten und Rodeos.

Die Chemie zwischen Parker und Grant stimmt leider überhaupt nicht, was nicht zuletzt am grottenschlechten Grant liegt. Im Vergleich dazu spielt Sarah Jessica Parker geradezu oscarreif. Noch ärgerlicher sind allerdings die Rollen der in New York verbliebenen Assistenten der beiden (Jesse Liebman, Elisabeth Moss), die peinlich überzogen gespielt und komplett unlustig sind. Deutlich symphatischer spielen da schon Sam Elliott und Mary Steenburgen als Dorfsheriff-Pärchen. Die Rednecks werden eh ganz liebevoll gezeichnet, neben einigen eher derben Klischees über die Landbevölkerung erspart sich der Film auch erwartbare Platitüden und läßt die Figuren nicht ganz so eindimensional erscheinen wie anfangs befürchtet.

Insgesamt fehlt es der Geschichte allerdings deutlich an Tempo und Esprit, viele Szenen wirken wie Füllmaterial, bei dem die echten Drehbuchschreiber gerade auf dem Klo waren und die Praktikanten rangelassen haben. Wenn man weiß worauf man sich einläßt und wenig Erwartungen hat, reicht das ganze zumindest noch für 100 Minuten anspruchslos-fluffige Unterhaltung - allerdings muss man dazu schon eine gewisse Grundsymphatie für das Genre und entsprechende Kitschtoleranz mitbringen.

Did You Hear About the Morgans? (Haben Sie das von den Morgans gehört?), USA 2009 - deutscher Kinostart: 07.01.2010
4 Punkte


Filmkritik: Confessions of a Shopaholic (Shopaholic – Die Schnäppchenjägerin)

abgelegt unter: Film von Enk am 14.01.2010

“They said I was a valued customer. Now they send me hate mail.”

Action-Spezialist Jerry Bruckheimer (Fluch der Karibik, Pearl Habor) wagt mit Shopaholic einen Ausflug ins rom-com-Genre. Um auch in diesem Fach einen Blockbuster zu produzieren, wollte Bruckheimer wohl auf Nummer sicher gehen und richtet sich mit einer Geschichte um modefixierte New Yorkerinnen unverhohlen an die große Sex & the City Fangemeinde, die schon erfolgreich mit Devil wears Prada oder (weniger erfolgreich) Love and other Disasters in die Kinos gelockt werden sollte.

Rebecca Bloomwood (Isla Fisher) ist eine mäßig erfolgreiche Journalistin, deren Traum es ist, beim Modemagazin Alette zu arbeiten. Ihre zahlreichen Kreditkarten sind bis ans Limit ausgereizt, weil sie den Auslagen der Modeboutiquen nicht widerstehen kann und gerne mal in einen Shoppingrausch bei Prada oder Gucci verfällt. Um ihre Rechnungen begleichen zu können, bewirbt Sie sich notgedrungen bei einem Wirtschaftsmagazin, wo sie auch tatsächlich genommen wird. Obschon sie von Wirtschaft keine Ahnung hat und ihre eigenen Finanzen nicht im Griff hat, darf sie nun als Kolumnistin Wirtschaftstipps geben. Selbstverständlich hat das Wirtschaftsmagazin auch einen gutaussehenden Chefredakteur (Hugh Dancy), den es zu erobern gilt. Und natürlich gibt es auch eine biestig-intrigante Nebenbuhlerin (Leslie Bibb), die es auszuschalten gilt. An Rebeccas Seite steht natürlich eine beste Freundin (Krysten Ritter), mit der es kurz vor dem Happy End natürlich noch zu einem Zerwürfnis kommt.

Klingt danach, als ob hier kein Klischee ausgelassen wird? Genau so ist es. Die formelhafte Story wird komplett vorhersehbar runtergespult. Positiv formuliert könnte man Shopaholic zumindest eine leichtfüßige Inszenierung zugestehen, leider gerät dieses leichtfüßige oft auch ins dümmliche.

Zwischenzeitlich blitzt dann doch einmal für eine feelgood-Komödie erstaunlich offene Kritik an Markenfetischismus und Konsumfixierung auf, etwa wenn der vermeintliche Luxus-Kaschmirmantel sich zuhause beim Blick auf das Etikett nur als Plastikware aus chinesischer Massenproduktion herausstellt. Oder die Protagonistin erkennt, dass das Gerede vom “valued customer” und die Freundlichkeit der Verkäuferinnen sofort in Eiseskälte erstarrt, wenn die Kreditkarte nicht mehr gedeckt ist. Selbstverständlich bleibt die Sozialkritik schön verträglich dosiert, um den fluffigen rom-com Plot nicht weiter zu stören.

Isla Fisher (u.a. The Lookout) spielt ihre schablonenhafte Rolle sogar ganz amüsant. Kristin Scott Thomas als blasierte Chefredakteurin des Modemagazins wirkt hier allerdings nur wie ein Abziehbild von Meryl Streeps Rolle in Devil wears Prada.

Confessions of a Shopaholic (Shopaholic – Die Schnäppchenjägerin), USA 2009 - deutscher Kinostart: 12.03.2009
4 Punkte


Filmkritik: Inglourious Basterds

abgelegt unter: Film von Enk am 11.01.2010

“We ain’t in the prisoner-takin’ business; we’re in the killin’ Nazi business.”

Quentin Tarantinos oscarverdächtiges Werk handelt von einem Trupp alliierter Soldaten, der im von Deutschland besetzten Frankreich Nazis jagt und bestialisch ermordet, um für Angst und Schrecken bei den Deutschen zu sorgen. Ungewöhnlich zu allererst die Entscheidung, das Sprachenwirrwar zwischen Franzosen, Engländern, Amerikanern und Deutschen in dem Zweiter Weltkriegs-Setting nicht einfach für das amerikanische Publikum plattzusynchronisieren, sondern die Deutschen deutsch, die Franzosen französisch und die Amerikaner englisch sprechen zu lassen (wobei die deutsche Kinofassung leider teilsynchronisiert ist). Als nächstes ist da der illustre Cast: Neben Brad Pitt, Mike Myers und Co. so ziemlich alles, was im deutschen Kino einen Namen hat: von Daniel Brühl über Til Schweiger bis hin zu Bela B. (in einem Mini-Cameo). Ganz großartig Christoph Waltz als Nazi-Bösewicht Hans Landa. Auch August Diehl, sonst immer auf nette schüchterne Figuren abonniert, darf hier sehr überzeugend den fiesen Nazi geben. Christian Berkel hingegen spielt hier ausnahmsweise keinen Nazi wie sonst üblich, sondern einen französischen Barbesitzer. Erstaunlich holprig und unauthentisch wirkt allerdings Diane Krüger in ihrer Rolle als UFA-Filmstar.

Die vielen Schauspieler sind nötig, weil die Protagonisten wie bei Tarantino üblich sterben wie die Fliegen. Kaum ist eine Figur halbwegs eingeführt, fällt sie in der nächsten Szene auch schon einer Storywendung zum Opfer. Die Figurenzeichnung ist äußerst plastisch, während Bösewicht Hans Landa dabei noch halbwegs real wirkt, ist Basterds-Anführer Aldo Raine (Bratt Pitt) schon fast wie eine Comicfigur überzeichnet, was aber durchaus gewollt ist. Laut Tarantino ist Inglorious Basterds ein Spaghetti-Western im Zweiter Weltkriegs-Setting, was den Film sehr treffend charakterisiert. Tarantino gelingen einige sehr packende Szenen, etwa in einem französischen Bauernhaus, in dem sich unter dem Dielenboden eine jüdische Familie versteckt hält, während direkt darüber der Nazi-Scherge sein unerbittliches Verhör Minute um Minute in die Länge zieht. Oder - eine Reminizenz an Tarantinos Reservoir Dogs - ein Zusammentreffen von Nazis und als Nazis maskierten Basterds, bei dem zum Schluß alle Protagonisten eine Knarre aufeinander richten und jeder wartet, wer zuerst schießt. Tarantino reizt in diesen Szenen die Spannung bis zum Schluß aus, verzichtet auf hektische Schnitte oder überhastete Action, und nähert sich nur nervenzerfetzend langsam dem unvermeidlichen Show Down. So langsam, dass der Film auf über zweieinhalb Stunden Spielzeit kommt.

Der illustre Soundtrack vereint einen Tarantino-üblich wilden Stilmix aus aus Rock, Country und Italo-Western Musik (Ennio Morricone). Als Highlight darf David Bowies Cat People die visuell beeindruckendste Szene des Films untermalen.

Tarantino verzichtet darauf, seiner Geschichte eine eindeutige Botschaft mitzugeben und verschließt sich simplen Deutungsmustern. Statt bedeutungsschwangerer Statements hat er sichtlich mehr Spaß an der Konstruktion origineller Szenen oder dem Einfügen optischer oder inszenatorischer Gimmicks. Was dazu führt, dass die Story ein wenig zerfahren und nicht wie aus einem Guss wirkt. Darüber hinaus stößt die unangenehme Perspektive auf, mit der das sadistische Treiben der “Basterds” glorifiziert wird: Man bekommt direkt Mitleid mit den jungen deutschen Soldaten, weil hier Menschen abgeschlachtet werden nicht aufgrund ihrer Untaten, sondern schlicht weil sie die falsche Uniform tragen.

Eine schöne Pointe allerdings, dass der Film sich unter anderem um die UFA-Filmproduktion der Nazis dreht und dabei selbst in den Babelsberger Studios der UFA gedreht wurde.

Inglourious Basterds, USA, Deutschland 2009 - deutscher Kinostart: 20.08.2009
7 Punkte


Filmkritik: Gamer

abgelegt unter: Film von Enk am 07.01.2010

(C) Lionsgate

“I’m the hand. Someone, somewhere else is the eye.”

Gamer, der Film für die Generation der Ballerspieler, fängt genau so an wie man es erwartet: Ohne große Einführung sieht man einen par-force Trip durch einen klassischen Warehouse Shooter-Level, zwar mit echten Schauspielern in perfekter “Grafik”, aber ansonsten dramaturgisch einem Counterstrike oder Call of Duty Level nicht unähnlich: hektisches Heranzoomen, schnelle Schwenks, eingeblendete Statusanzeigen, der Protagonist hetzt durch das Gelände und schießt um sich, überall knallt es und spritzt Blut. Das läßt Schlimmes vermuten, nämlich dass es in diesem Stil ohne Unterbrechung weitergeht, was kein tragfähiges Konzept für einen anderthalbstündigen Kinofilm wäre: Wie es bei Shootern halt so ist, macht das ganze durchaus Spass, wenn man selbst spielt. Dabei zuschauen wie jemand durch ewig gleiche Level rennt und rumballert, ist dann schon deutlich langweiliger, erst recht, wenn dabei keine relevante Story erzählt wird.

Gamer weitet sich nach der Anfangssequenz zum Glück zu einer etwas komplexeren Geschichte, auch wenn diese nicht so brandneu ist wie der Film suggeriert: Viele Versatzstücke aus Blade Runner, Running Man oder dem Cronenberg-Streifen eXistenZ werden hier recycled, aber durchaus konsequent zu einem innovativen Sci-Fi Mix mit frischen Ideen zusammengerührt. Die Story: In der nahen Zukunft werden die Medien beherrscht von zwei großen Spielen. Zum einen Society, eine Art real life The Sims, in dem man nicht virtuelle Charaktere steuert, sondern echte Schauspieler, die alles tun müssen, was der Spieler befiehlt (”get paid to be controlled, or pay to control”). Die “Schauspieler” haben dabei keine eigenen Freiheitsgrade, sondern ihre Gehirne werden mit Hilfe von Nanobots und ähnlichem Technobabble durch den Spieler direkt gesteuert. Das neue Spiel Slayers treibt das Ganze dann noch ein wenig weiter: Hier dürfen die Spieler ihre lebenden Figuren durch einen Ego-(bwz. Third-Person-)Shooter steuern und abmetzeln lassen. Als Spielfiguren haben sich verurteilte Todeskandidaten gemeldet, die das echte Gemetzel ausfechten: Wer 30 Kämpfe lebend übersteht, ist frei.

Ken Castle (Dexters Michael C . Hall) ist der Erfinder dieser Spiele und damit in kürzester Zeit reicher als Bill Gates geworden. Auf der anderen Seite steht Kable (Gerard Butler), Held des Slayer-Spiels, weil er als einziger bislang 27 Runden des Spiels überlebt hat, und damit kurz vor seiner Freiheit steht. Unser Held ist natürlich kein gewöhnlicher Schwerverbrecher, sondern zu Unrecht in die Todeszelle gekommen. Castle und Kable haben eine gemeinsame Vergangenheit. Um die Sache etwas komplizierter zu machen, gibt es noch den nerdigen Simon, der als Spieler per futuristischer Konsole Kable durch die Levels lenkt. Und die Untergrund-Truppe “Humanz”, die dem Tun von Spieleproduzent Castle ein Ende setzen will, sich in die Übertragungen hackt und ansonsten in ihrem Hauptquartier lieber alte Arcadegames wie Defender spielt als das neumodische Reality-Gaming. Das alles klingt abenteuerlicher als es ist: Wenn man nicht allzu sehr nach Logiklöchern sucht, wird die Story durchaus schlüssig verkauft.

Die Optik ist ein wenig zu hektisch, man hätte sich den Mut gewünscht, nicht ständig durch schnelle Schnittfolgen alles zu zerhacken und damit atemlose Action vorzutäuschen. Diese Schnitthektik scheint seit Crank ein Markenzeichen der Macher Neveldine/Taylor zu sein, was es aber nicht besser macht. Dennoch hat die visuelle Gestaltung neben ausufernder Brutalität und der etwas abgegriffenen Computerspiel-Optik, die nach Hitman, Wanted & Co. nicht mehr ganz so innovativ ist, durchaus ihren eigenen markanten Stil. Dabei werden klassische Elemente des Shooter-Spielegenres wie Waffenupgrades, Mods, schlechte Ping-Werte, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, oder Schwächen in der künstlichen Intelligenz, durch die die Spielfiguren unsinnig vor Wände laufen, schlüssig in die Story eingebaut und dienen nicht nur als Buzzwords. Wie eine Welt aussieht, in der die Figuren von leicht perversen Freaks hinter dem Computer gesteuert sind, ist schon sehr lustig anzusehen (und vermutlich sehr authentisch): Die Avatare in “Society” laufen in geschmacklosen Kostümierungen ziemlich planlos durch das Spielgelände, haben spontan wilden Sex in jeglichen Konstellationen, oder idlen auch gerne mal in der Gegend herum.

Zum Schluß wirds dann ein wenig sehr over the top, und für den dramatischen hochstilisierten Show-Down gehen Neveldine/Taylor ein wenig die Gäule durch: Auch wenn die recht sinnfrei eingelegte Musical-Nummer von Michael C. Hall ganz amüsant ist, kostet das Ende der Story ein paar der eh schon sehr spärlich vorhandenen Glaubwürdigkeitspunkte.

Die Besetzung ist passabel: Gerard Butler darf nach einem Ausflug ins rom-com Genre hier wieder schön blutig metzeln wie in Sparta, muss ansonsten aber hauptsächlich nur grimmig dreinschauen. Michael C. Hall als unter Hybris leidenes Mastermind hinter den Kulissen spielt arg affektiert, aber durchaus rollenkonform. Und für unsere HipHop Freunde darf Rapper Ludacris den Anführer der Untergrundtruppe Humanz mimen. Der Soundtrack ist gar nicht so schlimm wie bei dem Zielpublikum zu befürchten war: Statt Gangsta-Hip Hop gibt es Musik von Marilin Manson oder der Bloodhound Gang.

Gamer als sozialkritische Mediensatire zu sehen tut dem ganzen ein wenig zuviel der Ehre. Natürlich kann man an den Spielen Society und Slayers die echten Vorläufer wie Big Brother, Casting Shows oder “Killerspiele” erkennen. Und in die groteske Übersteigerung von Sensationslust, Quotengier, Computerspielsucht, Brot und Spielen und Law&Order lassen sich problemlos tonnenweise Sozial- und Medienkritik hineininterpretieren. Gamer gefällt sich aber viel eher in der vordergründigen Darstellung von Action und Sci-Fi-Gimmicks als in feiner Analyse medientheoretischer Zusammenhänge. Was auch ok ist - wie schnell “gut gemeinte” Medienkritik einen an sich interessanten Storyansatz vor die Wand fahren kann, kann man z.B. bei der deutschen Produktion Free Rainer sehen. Gamer konzentriert sich eher auf Schauwerte als auf platte Botschaften, und diese Schauwerte sind passabel.

Gamer, USA 2010 - deutscher Kinostart: 07.01.2010
7 Punkte


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