Ich bin ein Star, holt mich hier raus
Angeblich guckts ja keiner, aber es ist erfolgreicher denn je: das Dschungel-Camp von RTL, in dem eine Gruppe Nicht-mehr-ganz- bzw. Noch-nie-wirklich-Prominenter zum fröhlichen Kakerlakenessen versammelt wird. Und was soll ich sagen: ich gucks. Man muss gar nicht so weit gehen, das Dschungelcamp als “gut gemachten Sadismus” zu loben, es ist aber in jedem Fall professionell gemachte Unterhaltung, die vom Produktionsniveau her um einiges höher angesiedelt ist als der meiste Billig-Trash, der ansonsten bei RTL & Co. versendet wird. Alleine die Tatsache, dass ein großer Teil der Sendung live ist, ist fürs Privatfernsehen, wo selbst große TV-Shows wie “Wer wird Millionär” vom Band kommen, bemerkenswert.
Die Faszination der Sendung geht dabei gar nicht davon aus, Leuten beim Kakerlaken-Essen oder Mit-Krokodilen-Tauchen zuzuschauen. Viel interessanter ist es, ein paar C-Promis, die man ansonsten nur perfekt gestylt vor den Kameras sieht, einmal im wahrsten Sinne des Wortes ungeschminkt zu sehen und zu erleben, wie sie sich abseits abgesprochener Interviewdialoge oder Yellow-Press Berichterstattung verhalten. Dazu noch die Spannung was passiert, wenn man so unterschiedliche Typen wie Vollproll DJ Tomekk, Schlager-Opa Bata Illic oder Ex-Pornostar Michaela Schaffrath in eine Zelle sperrt und die Kamera laufen läßt. Da gibts dann abseits der ganzen Ekelprüfungen überraschende Dialoge zwischen Illic und Tomekk, die sich im wirklichen Leben vermutlich nie begegnen würden, darüber, was der jeweils andere eigentlich macht (”Du bist also Disk Jockey?”) und wie schwer es ist, die deutsche Sprache zu lernen. Solche Szenen sind ganz großes Kino.
Für die C-Promis ist das ganze gar nicht mal so uninteressant. Natürlich ist der Ruf die meisten seriösen Projekte ruiniert und es haftet der “Die-war-sich-sogar-fürs-Dschungelcamp-nicht-zu-schade”-Ruf an. Aber seriöse Angebote bekommen viele der Teilnehmer eh nicht mehr, und hier bekommt man nochmal eine Medienpräsenz und Einschaltquoten, auf die auch mancher A-Promi neidisch wäre. Michaela Schaffrath wird in einer Folge Dschungelcamp mehr Wortbeiträge haben als in all ihren Filmen zusammen. Und die Teilnehmer vergangener Staffeln scheinen durchaus den einen oder anderen lukrativen Folgeauftrag bekommen zu haben.
Dazu kommt: Wenn die Kamera big-brother-mäßig draufhält, gewinnen erstaunlich viele Promis, die man ansonsten nur aus nervigen Vorabendserien oder Explosiv-Filmchen kannte, an Sympathie, denn viele sind tatsächlich “auch nur Menschen”, um mal in die Platitüden-Kiste zu greifen. Z.B. “Ich heirate Eine Familie”-Nervensäge Julia Biedermann, bei der ich immer zwanghaft umschalten musste, wenn die eine ZDF-Vorabendserie bevölkerte, scheint “privat” erstaunlich unzickig zu sein. Oder Michaela Schaffrath, die im Dschungel nicht als Porno-Queen, sondern eher als harmlos-nettes “girl next door” daherkommt. Bei anderen wie “DJ” Tomekk ist zumindest an den ersten beiden Tagen noch zu merken, dass hier jemand sehr gezielt an seinem Proll- und Macho-Image zu feilen versucht. Aber mit jedem weiteren Tag unter Vollzeit-Kameraüberwachung wird es vermutlich schwieriger, die erwünschte Fassade aufrecht zu erhalten.
Das Promi-Big-Brother mit verschärften Bedingungen könnte also ganz nette TV-Unterhaltung sein, wären da nicht die berüchtigten “Dschungel-Prüfungen”. Die sind nicht nur überflüssig, sie sorgen auch dafür, dass das ganze Szenario von einem nett-beschaulichen Reality-Format zu menschen- und tierverachtendem Ekel-TV wird, bei dem einem schon vom Zuschauen schlecht wird. Man merkt es auch den Moderatoren Zietlow und Bach an: Während sie ansonsten permanent derbe Sprüche über ihre Dschungel-Promis bringen, sind sie selbst ein fast peinlich berührt, wenn sie ihre Promi-Kollegen (die eine Zeitlang ja bekanntheitsmäßig durchaus auf Augenhöhe waren) dann tatsächlich zum Kakerlakenessen bitten müssen. Und bleiben fast regungslos daneben stehen, wenn Popsternchen Lisa Bund wirklich eine Handvoll Mehlwürmer in den Mund nimmt. Schließlich ist eine Sonja Zietlow karrieremäßig auch nicht so meilenweit davon entfernt, als dass sie nicht in ein paar Jahren selber mal im Dschungelcamp landen könnte.
Natürlich sind genau diese Szenen so publicityträchtig und sorgen dafür, das BILD, Spiegel Online & Co die Sendung mit einem medialen Dauerfeuer begleiten und das Dschungelcamp zum gesellschaftlichen Aufreger wird. Aber das Format hätte auch ohne dieses Ekel-Element eine Chance, und würde vermutlich für deutlich weniger schlechtes Gewissen beim Zuschauen sorgen. Nicht zuletzt würde man mit Verzicht auf die ganz derben Nummern wohl auch ein paar attraktivere Promis bekommen - bei einigen der der aktuell angetretenen “Prominenten” kannte ich vorher noch nicht mal den Namen.











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