Filmkritik: The Hurt Locker (Tödliches Kommando)
Und wieder ein Film über den Irak-Krieg. Und wieder sieht der Film so aus, wie Kriegsfilme heute nun mal aussehen: unruhige Handkamera, hektisches Heranzoomen, Close-ups, Fake-Dokustil.
Regisseurin Kathryn Bigelow verzichtet auf langwierige Einführung und Storyaufbau, der Zuschauer wird gleich mitten in die Kampfzone in Bagdad geworfen und wird Zeuge einer Bombenentschärfung auf einer Hauptverkehrsstraße: Wir folgen den Einsätzen der Bravo Company, die im Irak als Kampfmittelräumdienst für Bombenentschärfung zuständig ist. Der erste Spezialist ist in einer Explosion gestorben, und der neue Bombenexperte Seagent James (Jeremy Renner) legt einen sehr unorthodoxen Arbeitsstil an den Tag. Er agiert nicht übervorsichtig und vorausschauend, wie es der Aufgabe entsprechen würde, sondern geht jedes Risiko ein und spielt mit seinem Leben und damit auch mit dem Leben seiner Kameraden. Und gerät damit zwangsläufig in Konflikt mit Seargent Sanborn (Anthony Mackie), der seine Truppe die letzten 40 Tage ihres Irak-Einsatzes unverwundet überstehen lassen will.
Bigelow läßt sich extrem viel Zeit für die Entwicklung ihrer Szenen, sei es beim Entschärfen einer Autobombe, während auf den Häuserdächern die Irakis zuschauen und mit der Videokamera mitfilmen, oder beim Scharfschützen-Duell in der staubigen Wüste. Die Stimmung ist ruhig und angespannt, und immer wieder lauert aus dem Hinterhalt der Tod, schlägt fast zufällig und beliebig zu. Das epische Erzähltempo führt zu über 130 Minuten Spielzeit, die aber bis zum Ende packend inszeniert sind. Erstaunlich, dass Bigelow aus dem eigentlich eher ausgenudelten Filmklischee “Bombenentschärfung”, das in jedem zweiten Actionstreifen der letzten Jahrzehnte vorkommt (”roter oder blauer Draht?”… “noch 5 Sekunden bis zur Detonation”), eine derartige Spannung ziehen kann. The Hurt Locker erzählt dabei keine wirkliche Geschichte, es gibt keine große Dramaturgie außer dem Countdown, der die Tage bis zum Ende des Irak-Einsatzes der Bravo-Kompanie zählt. Der Film wirkt eher wie ein beliebiger Ausschnitt aus dem Kriegsgeschehen, ein Monat live im Irak, unterlegt mit einem brachialen Soundtrack von Industrial Krachmachern Ministry.
Was einen (bösen) Kriegsfilm nun von einem (guten) Antikriegsfilm unterscheidet, ist seit jeher eine eher theoretische Diskussion: In beiden (Sub-)Genres sieht man grimmige Soldaten durch Wald oder Dschungel schleichen, überall explodierts und knallts, nur das beim Antikriegsfilm statt hurrapatriotischer Heldenverehrung desillusionierte Protagonisten das Geschehen bestimmen. Kathryn Bigelow bezieht erst gar keine Stellung zur Legitimation des US-Feldzuges, entzieht sich einer politischen Bewertung und zeigt schlicht das Kriegsgeschehen ohne Anfang und ohne Ende. Was dadurch alleine schon ein politisches Statement ist: Das ganze Geschehen im Irak wirkt sinnlos und ohne tiefergehende Mission oder Ziel: Die US-Truppen sind nicht die Beschützer, sondern werden von den Irakis mistrauisch beäugt. Die Irakis machen nicht den Eindruck, als wollten sie von den Amerikanern befreit werden. Ein sinnloser Krieg, was den desillusionierten Soldaten auch klar ist. Jeder will nur raus aus dieser feindlichen Umgebung. Nichts heldenhaftes oder glamouröses haftet dem Tun der Soldaten an, sondern nur sinnloses Töten und Sterben.
Wobei der Kern von Bigelows Film nicht das übliche platte “Krieg ist doof” ist, ganz im Gegenteil: Für den Protagonisten William James ist der Krieg das einzige, was seinem Leben einen Antrieb gibt, wenn auch nicht als heroisch-patriotische Heldenpflicht, sondern als schlichter Adrenalinkick: Am Ende steht der Protagonist, der im Irak über Leben und Tod in Sekundenbruchteilen entschieden hat, vor einem riesigen Supermarktregal voller verschiedener Cornflakes-Packugen und ist überfordert mit der Auswahl. Und wünscht sich konsequenterweise in den Krieg zurück, mit dem er deutlich besser klar kam.
Jeremy Renner verkörpert die undurchsichtige Figur des lebensmüden und kriegshungrigen William James großartig, auch die übrigen Rollen sind gut besetzt. Etwas verschenkt wirkt Ralf Fiennes mit einem überraschend kurzen Gastspiel als britischer Söldner. Bei den Golden Globes ging The Hurt Locker erstaunlicherweise leer aus. Man darf gespannt sein, ob Bigelow bei den Oscars gegen den alles überstrahlenden Blockbuster Avatar ihres Ex-Mannes James Cameron eine Chance hat. Verdient wäre es.
The Hurt Locker (Tödliches Kommando), USA 2008 - deutscher Kinostart: 13. August 2009.









