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Filmkritik: Gamer

abgelegt unter: Film von Enk am 07.01.2010

(C) Lionsgate

“I’m the hand. Someone, somewhere else is the eye.”

Gamer, der Film für die Generation der Ballerspieler, fängt genau so an wie man es erwartet: Ohne große Einführung sieht man einen par-force Trip durch einen klassischen Warehouse Shooter-Level, zwar mit echten Schauspielern in perfekter “Grafik”, aber ansonsten dramaturgisch einem Counterstrike oder Call of Duty Level nicht unähnlich: hektisches Heranzoomen, schnelle Schwenks, eingeblendete Statusanzeigen, der Protagonist hetzt durch das Gelände und schießt um sich, überall knallt es und spritzt Blut. Das läßt Schlimmes vermuten, nämlich dass es in diesem Stil ohne Unterbrechung weitergeht, was kein tragfähiges Konzept für einen anderthalbstündigen Kinofilm wäre: Wie es bei Shootern halt so ist, macht das ganze durchaus Spass, wenn man selbst spielt. Dabei zuschauen wie jemand durch ewig gleiche Level rennt und rumballert, ist dann schon deutlich langweiliger, erst recht, wenn dabei keine relevante Story erzählt wird.

Gamer weitet sich nach der Anfangssequenz zum Glück zu einer etwas komplexeren Geschichte, auch wenn diese nicht so brandneu ist wie der Film suggeriert: Viele Versatzstücke aus Blade Runner, Running Man oder dem Cronenberg-Streifen eXistenZ werden hier recycled, aber durchaus konsequent zu einem innovativen Sci-Fi Mix mit frischen Ideen zusammengerührt. Die Story: In der nahen Zukunft werden die Medien beherrscht von zwei großen Spielen. Zum einen Society, eine Art real life The Sims, in dem man nicht virtuelle Charaktere steuert, sondern echte Schauspieler, die alles tun müssen, was der Spieler befiehlt (”get paid to be controlled, or pay to control”). Die “Schauspieler” haben dabei keine eigenen Freiheitsgrade, sondern ihre Gehirne werden mit Hilfe von Nanobots und ähnlichem Technobabble durch den Spieler direkt gesteuert. Das neue Spiel Slayers treibt das Ganze dann noch ein wenig weiter: Hier dürfen die Spieler ihre lebenden Figuren durch einen Ego-(bwz. Third-Person-)Shooter steuern und abmetzeln lassen. Als Spielfiguren haben sich verurteilte Todeskandidaten gemeldet, die das echte Gemetzel ausfechten: Wer 30 Kämpfe lebend übersteht, ist frei.

Ken Castle (Dexters Michael C . Hall) ist der Erfinder dieser Spiele und damit in kürzester Zeit reicher als Bill Gates geworden. Auf der anderen Seite steht Kable (Gerard Butler), Held des Slayer-Spiels, weil er als einziger bislang 27 Runden des Spiels überlebt hat, und damit kurz vor seiner Freiheit steht. Unser Held ist natürlich kein gewöhnlicher Schwerverbrecher, sondern zu Unrecht in die Todeszelle gekommen. Castle und Kable haben eine gemeinsame Vergangenheit. Um die Sache etwas komplizierter zu machen, gibt es noch den nerdigen Simon, der als Spieler per futuristischer Konsole Kable durch die Levels lenkt. Und die Untergrund-Truppe “Humanz”, die dem Tun von Spieleproduzent Castle ein Ende setzen will, sich in die Übertragungen hackt und ansonsten in ihrem Hauptquartier lieber alte Arcadegames wie Defender spielt als das neumodische Reality-Gaming. Das alles klingt abenteuerlicher als es ist: Wenn man nicht allzu sehr nach Logiklöchern sucht, wird die Story durchaus schlüssig verkauft.

Die Optik ist ein wenig zu hektisch, man hätte sich den Mut gewünscht, nicht ständig durch schnelle Schnittfolgen alles zu zerhacken und damit atemlose Action vorzutäuschen. Diese Schnitthektik scheint seit Crank ein Markenzeichen der Macher Neveldine/Taylor zu sein, was es aber nicht besser macht. Dennoch hat die visuelle Gestaltung neben ausufernder Brutalität und der etwas abgegriffenen Computerspiel-Optik, die nach Hitman, Wanted & Co. nicht mehr ganz so innovativ ist, durchaus ihren eigenen markanten Stil. Dabei werden klassische Elemente des Shooter-Spielegenres wie Waffenupgrades, Mods, schlechte Ping-Werte, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, oder Schwächen in der künstlichen Intelligenz, durch die die Spielfiguren unsinnig vor Wände laufen, schlüssig in die Story eingebaut und dienen nicht nur als Buzzwords. Wie eine Welt aussieht, in der die Figuren von leicht perversen Freaks hinter dem Computer gesteuert sind, ist schon sehr lustig anzusehen (und vermutlich sehr authentisch): Die Avatare in “Society” laufen in geschmacklosen Kostümierungen ziemlich planlos durch das Spielgelände, haben spontan wilden Sex in jeglichen Konstellationen, oder idlen auch gerne mal in der Gegend herum.

Zum Schluß wirds dann ein wenig sehr over the top, und für den dramatischen hochstilisierten Show-Down gehen Neveldine/Taylor ein wenig die Gäule durch: Auch wenn die recht sinnfrei eingelegte Musical-Nummer von Michael C. Hall ganz amüsant ist, kostet das Ende der Story ein paar der eh schon sehr spärlich vorhandenen Glaubwürdigkeitspunkte.

Die Besetzung ist passabel: Gerard Butler darf nach einem Ausflug ins rom-com Genre hier wieder schön blutig metzeln wie in Sparta, muss ansonsten aber hauptsächlich nur grimmig dreinschauen. Michael C. Hall als unter Hybris leidenes Mastermind hinter den Kulissen spielt arg affektiert, aber durchaus rollenkonform. Und für unsere HipHop Freunde darf Rapper Ludacris den Anführer der Untergrundtruppe Humanz mimen. Der Soundtrack ist gar nicht so schlimm wie bei dem Zielpublikum zu befürchten war: Statt Gangsta-Hip Hop gibt es Musik von Marilin Manson oder der Bloodhound Gang.

Gamer als sozialkritische Mediensatire zu sehen tut dem ganzen ein wenig zuviel der Ehre. Natürlich kann man an den Spielen Society und Slayers die echten Vorläufer wie Big Brother, Casting Shows oder “Killerspiele” erkennen. Und in die groteske Übersteigerung von Sensationslust, Quotengier, Computerspielsucht, Brot und Spielen und Law&Order lassen sich problemlos tonnenweise Sozial- und Medienkritik hineininterpretieren. Gamer gefällt sich aber viel eher in der vordergründigen Darstellung von Action und Sci-Fi-Gimmicks als in feiner Analyse medientheoretischer Zusammenhänge. Was auch ok ist - wie schnell “gut gemeinte” Medienkritik einen an sich interessanten Storyansatz vor die Wand fahren kann, kann man z.B. bei der deutschen Produktion Free Rainer sehen. Gamer konzentriert sich eher auf Schauwerte als auf platte Botschaften, und diese Schauwerte sind passabel.

Gamer, USA 2010 - deutscher Kinostart: 07.01.2010
7 Punkte


    4 Kommentare »

    1. Also ich fand einige Ideen durchaus spaßig und trefflich und auch ganz passabel umgesetzt, aber insgesamt versagt der Film doch in nahezu jeder Hinsicht.
      Keine richtige Identifizierung mit den Charakteren, kein wirklich atmospährisches Eintauchen in die Welt und die Handlung. Vielmehr plump aneiandergereihte Actionsequenzen ohne das der Funken wirklich überspringen will und man tatsächlich den Eindruck gewinnen könnte, auf einen Trip in die Zukunft mitgenommen zu werden.

      Gravatar Image Comment von Koner — 10.01.2010 @ 18:21

    2. Charakterzeichnung und atmosphärische Tiefe sind in der Tat nicht die Stärken von Gamer. Was den “Trip in die Zukunft” angeht, sehe ich das aber anders: Es ist dem Film sehr wohl gelungen, einen glaubwürdige (wenn auch stark überzeichnete) Welt zu erschaffen und mit einer Reihe netter Gimmicks zu unterfüttern.

      Gravatar Image Comment von Enk — 10.01.2010 @ 20:19

    3. Ich kann schon nachvollziehen, daß man hierbei geteilter Meinung sein kann und es mehr eine Frage subjektiver Wahrnehmung ist.

      Mir kam der Film und die dargestellte Welt (Handlungsorte, vorkommende Charaktere, Dialoge, Story) insgesamt etwas schal rüber, bis auf einige gute Ideen war ansonsten von allen anderen Elementen einfach zu wenig vorhanden.
      Da haben mir Filme wie Vernetzt, Strange Days einfach intensivere Eindrücke und Erlebnisse beschert.

      Es ist als hätten sie einen gutaussehenden Sonntagsbraten erschaffen, der leider weder Geruch noch Geschmack hat und innen hol ist und das einzig wirklich begehrenswerte ein paar vereinzelte Pfefferkörner in der Soße sind :)

      Gravatar Image Comment von Koner — 10.01.2010 @ 21:56

    4. Ich fand den Film sehr unterhaltsam. Darüber hinaus ist es einer der ganz wenigen Filme, die das Thema Gaming thematisieren ohne dabei permanentes Fremdschämen beim kundigen Zuschauer zu erzeugen.

      Gravatar Image Comment von SpielerZwei — 11.01.2010 @ 8:43

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