Filmkritik: Das weiße Band
Nachdem der Österreicher Michael Haneke zuletzt eine große US-Produktion mit Naomie Watts inszenieren durfte, hat er sich mit seinem neuen Film “Das weiße Band” wieder dem Arthaus zugewandt. Und das sehr erfolgreich, der Film erhielt die Goldene Palme und ist für den Oscar als als bester ausländischer Film nominiert.
Hanekes neues Werk erzählt von einer bedrückend repressiven Dorfgemeinschaft in der deutschen Provinz am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Das Dorf ist geprägt von strenger Hierarchie: Der Gutsherr und sein Statthalter bestimmen über die Bauern, der sittenstrenge Pastor ist die unangefochtene moralische Autorität, und in den Familien führt der Mann ein strenges Regime über Frau und Kinder und erzieht mit dem Rohrstock. Wer die Klassenunterschiede und Hierarchien kritisch hinterfragt, wird erbarmungslos bestraft. Aber hinter der puritanisch strengen Fassade verbirgt sich natürlich - Überraschung, Überraschung - eine dunkle Seite, von Gewalt und Demütigung bis hin zu Inzest.
Im Dorf passieren mysteriöse Vorfälle: Der Arzt hat einen schweren Unfall durch ein heimlich aufgespanntes Drahtseil. Eine Bäuerin stirbt bei einem gefährlichen Arbeitseinsatz im Sägewerk. Kinder werden von Unbekannten misshandelt, und die Scheune des Barons wird in Brand gesteckt. Hinter all diesen Vorfällen versucht der Dorflehrer (Christian Friedel), Licht ins Dunkel zu bringen, und im Laufe seiner Nachforschungen wächst der Verdacht, dass die Dorfkinder an dem Geschehen nicht unbeteiligt sind.
Der Film ist anstrengend artifiziell in schwarz-weiss gedreht, düster ausgeleuchtet und kammerspielartig inszeniert. Die schauspielerische Leistung ist überzeugend, gerade die jüngeren Ensemblemitglieder spielen erfrischend ungekünstelt, vor allem Leonie Benesch als schüchternes Kindermädchen Eva. Die Nachwuchsriege wird unterstützt von bekannten Gesichter wie Burghart Klaußner als gestrenger Dorfpastor oder Ulrich Tukur als Gutsherr. Sehr eigenartig besetzt ist allerdings Detlev Buck als hemdsärmliger Vater von Eva. Buck passt mit seiner lakonisch-norddeutschen Art, komödiantisch überspitzt gespielt, überhaupt nicht in die trist-strenge Atmosphäre des Films.
Die Geschichte beginnt sehr zäh und langatmig, gewinnt aber zur Mitte hin an Fahrt und ist zwischenzeitlich in den Verflechtungen der mysteriösen Dorfunfälle durchaus spannend. Leider verspielt Haneke zum Schluß die Gelegenheit, das ganze zu einem stimmigen Ende zu führen und lässt die Fäden im Unbestimmten enden: mit Kriegsausbruch endet die Geschichte abrupt, die Konflikte bleiben ungelöst und die Auflösung verliert sich in vagen Andeutungen. Das unausgegorene Ende ist umso ärgerlicher, da die triviale Botschaft Hanekes dadurch keinewegs subtiler vermittelt wird: Schon gleich zu Beginn macht der Off-Sprecher klar, dass wir es hier nicht mit einer kleinen Erzählung aus der Provinz zu tun haben, sondern eine Parabel erzählt bekommen, die “auf manche Vorgänge in diesem Land ein erhellendes Licht werfen könnte”. Die gesellschaftliche Repression durch Gutsherr, Kirche und Väter, die gestrenge aber verlogene Moral läßt die Menschen verbittert, hasserfüllt und gewalttätig werden. Und wenn man kurz nachrechnet, wächst mit den Kindern dieser finsteren Dorfgemeinschaft die Generation heran, aus der sich zwei Jahrzehnte später die Nazis rekrutieren.
Hanekes schlichte Weltsicht bietet einfache Erklärungsmuster: der Obrigkeitsstaat - hier in der kleinen Dorfgemeinschaft bildhaft gemacht - läßt die Menschen zwangsläufig zu Bösen werden, kein Wunder dass aus dieser Brut Erster und Zweiter Weltkrieg hervorgegangen sind. Wer als Kind vom Vater geschlagen wurde, kann schließlich nur zum Nazi werden.
Haneke ist bekannt dafür, dem Zuschauer nicht allzu viel Mühe bei der Entschlüsselung seiner trivialen Botschaften zu machen, so zuletzt in seinem brachial-medienkritischen Thriller Funny Games. Während Funny Games aber wenigstens handwerklich beeindruckend gemacht war, verliert sich Das weiße Band in bemühter Kammerspiel-Ästhetik, die nur durch die guten Schauspieler halbwegs sehenswert bleibt.
Das weiße Band, Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien 2009 - deutscher Kinostart: 15.10.2009










