Filmkritik: Rachel getting married (Rachels Hochzeit)
Anne Hathaway hat das Problem vieler erfolgreicher Hollywood-Stars: Berühmt geworden durch seichte Komödien wie Plötzlich Prinzessin oder Der Teufel trägt Prada, möchte sie neben der großen Bekanntheit auch als “ernsthafte” Schauspielerin wahrgenommen werden, die mehr kann als gut auszusehen. Nach einer Rolle im oscar-gekrönten Brokeback Mountain und der Jane Austen Biografie Becoming Jane versucht sie in “Rachel getting married”, mit der Rolle eines psychisch labilen Ex-Junkie ihr schauspielerisches Profil zu schärfen.
Kym (Anne Hathaway) kommt aus der Entzugstherapie zurück ins Elternhaus zur Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt, die ein wenig wie die jüngere Schwester von Maybrit Illner aussieht). Bei einer Sitzung der anonymen Alkoholiker trifft sie Kieran (Mather Zickel, der wie der jüngere Bruder von George Clooney wirkt), der sich kurze Zeit später als Trauzeuge des Bräutigams herausstellt. Doch was nach einer schlicht gestrickten Liebesgeschichte klingt, entwickelt in Folge sich zu einem komplexen Familiendrama mit ungewissem Ausgang. Die Familie ist mitten in den Festvorbereitungen und bereitet alles für eine harmonisch-perfekte Hochzeitsfeier vor. Aber schnell wird klar, dass Kym in diese heile Welt nicht reinpassen will, und die Party zu ruinieren droht.
Die Bilder der Hochzeitsvorbereitungen strahlen eine erstaunliche Authentizität aus, es gelingt Regisseur Jonathan Demme, viele Szenen wie einen Videomitschnitt einer wirklichen Feier wirken zu lassen, so unaufgeregt und echt wirken die Einstellungen, nicht zuletzt durch das unprätentiöse Spiel der durchweg guten Schauspieler, gerade in den Nebenrollen. Aber über den Bilder der ausgelassenen Feier schwebt immer die Ahnung, dass das ganze schnell in ein Drama umkippen kann, wenn alte Konflikte wieder aufbrechen, und die psychisch instabile Kym sich nicht in das Korsett der trauten Familie zwängen lassen will. Wenn Väter, Schwiegerväter und Trauzeugen launige Ansprachen halten baut sich eine beklemmende Spannung auf, weil klar ist, dass auch Kym eine Rede halten wird, die vermutlich nicht ganz den heiteren Rahmen der Veranstaltung trifft.
Dokumentarstil mit unruhiger Handkamera und ungefilterter Geräuschkulisse wirkt ja oft ein wenig bemüht arthousey. Hier ist das ganze aber mal nicht aufgesetzt, sondern sehr passend für die Geschichte. Man sieht der Partygesellschaft minutenlang beim Feiern und Tanzen zu, ohne dass storytechnisch etwas relevantes passiert. Was umso mehr die Illusion unterstützt, man sehe hier ein selbstgedrehtes Hochzeitsvideo und nicht einen Spielfilm. Jonathan Demme schafft es dabei, das ganze trotz unfokussiertem Timing und starker Dialoglastigkeit nie langweilig werden zu lassen, die Geschichte ist atmosphärisch äußerst dicht inszeniert.
Wohltuend unaufgeregt und erfrischend wird hier das Thema “interracial marriage” ausnahmsweise mal ganz beiläufig und unproblematisiert gezeigt wird - die Tatsache, dass die weiße Rachel den schwarzen Sydney heiratet, beutet Demme nicht für die vorhersehbaren politisch korrekten oder provozierenden unkorrekten Statements aus. Überhaupt wimmelt es in dem Film vor Multi-Kulti, ohne dass das aufgesetzt wirkt oder einen entscheidenden Einfluß auf die Story hätte. Der Soundtrack reicht von Soul über britischen Folk-Rock bis hin zu lateinamerikanischen Rhythmen, Einige Musiker dürfen ihre Songs auch gleich selbst im Film als Wedding Singer präsentieren, etwa der britische Singer/Songwriter Robyn Hitchcock, Jazz-Musiker Donald Harrison oder die jamaikanische Reggae-Sängerin Sister Carol. Cameo-fixierte Cineasten können unter den Hochzeitsgästen übrigens auch B-Movie Regisseur Roger Corman entdecken.
Anne Hathaway hat sich sicher sehr bewußt die Rolle des psychisch auffälligen kettenrauchenden Ex-Junkie entschieden, die so gar nicht in ihre übliche Komödiebesetzung passt. Und sie macht ihre Sache erstaunlich gut, entgeht der Gefahr des over-acting, der so viele Schauspieler erliegen, die psychisch auffällige Charaktere mimen sollen. Sie verkörpert die instabile Rachel absolut glaubwürdig und intensiv, mit der richtigen Balance aus Dramatik und Zurückgenommenheit.
Die Konflikte und Zerwürfnisse in der Geschichte sind nicht gerade rasend originell - ein tragischer Unfall, der durch Kym verschuldet wurde, die Schwester, die auf die Zuwendung der Eltern neidisch ist, die Töchter, die mit der Scheidung der Eltern klarkommen mussten. Aber diese eher schlichten Muster werden sehr glaubwürdig und authentisch verpackt, ohne allzu trivial aufgelöst zu werden. Überhaupt ist das ambivalente Ende ein würdiger Abschluß der Geschichte, das ohne dramatische Zuspitzung auskommt.
Trotz aller Melodramatik kommt Rachel Getting Married nicht die ganze Zeit über bleischwer daher, sondern hat viele leichte Momente und heitere Szenen, etwa ein Wettstreit zwischen Vater und Schwiegersohn um das richtige Einräumen der Spülmaschine( “i think your problem is mainly in lid placement… it’s kind of old school”). Die Spannung wird immer wieder daraus gezogen, ob und wann die Stimmung mal wieder kippt und die dunkle Seite der Familiengeschichte in den Vordergrund bricht.
Rachel getting married (Rachels Hochzeit), USA 2008 - deutscher Kinostart: 2.4.2009










