Filmkritik: Last Chance Harvey (Liebe auf den zweiten Blick)
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In “Last Chance Harvey” hat Dustin Hoffman endlich mal wieder die Gelegenheit, eine Rolle mit etwas mehr Tiefe zu füllen als bei den üblichen leicht trottelig-komischen Figuren, die er in den letzten Jahren hauptsächlich gespielt hat. Harvey Shine ist auf den ersten Blick eine tragische Figur. Die besten Jahre hat er hinter sich. Seine Frau hat ihn vor langer Zeit verlassen, sein Job steht auf der Kippe, und zur Hochzeit seiner Tochter soll nicht er, sondern der Stiefvater die Braut zum Altar führen, da sich seine Tochter von ihm entfremdet hat. Aber Hofmans Charakter ist nicht so scherenschnittartig zusammenkonstruiert wie bei den üblichen rom coms, sondern feiner ausbalanciert, was nicht zuletzt Hoffmans guter Schauspielarbeit zu verdanken ist.
Harvey Shine nutzt den Trip zur Hochzeit nach London, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben und die Prioritäten neu zu setzen, spätestens als er die alleinstehende Flughafenangestellte Kate (Emma Thompson) kennenlernt, und mit charmanter Aufdringlichkeit für sich zu gewinnen versucht. Kate hingegen hat schon so viele Enttäuschungen erlebt, dass sie sich aus Angst vor einer weiteren Enttäuschung Harveys Avancen nur langsam öffnet.
Die Geschichte braucht sehr viel Zeit, um in Fahrt zu kommen. Die erste halbe Stunde plätschert vor sich hin. Die Idee, Harveys und Kates Leben zunächst unabhängig voneinander zu erzählen und die beiden dabei doch immer mal wieder unbewußt über den Weg laufen zu lassen, ist zwar ganz nett, aber nur mäßig spannend oder mitreißend. Erst in der zweiten Hälfte schafft es Regisseur und Drehbuchautor Joel Hopkins, der Geschichte die notwendige Tiefe zu geben. Hopkins vermeidet dabei allzu platte Klischees einer romantic comedy, auch wenn er nicht wirklich aus dem Genre-Korsett ausbricht. Der Film wird getragen von den erstklassigen Hauptdarstellern, auch wenn die Chemie zwischen Hoffman und Thompson nicht wirklich stimmt. Der Funke zwischen den beiden springt nicht über, obwohl beide ihre Rolle sehr gut ausfüllen. Mag schlicht daran liegen, dass Emma Thompson einen halben Kopf größer ist als Hoffman. Dennoch macht es Spaß, diesen beiden großartigen Schauspielern zuzuschauen.
Ansonsten bestimmen schön ausgeleuchtete Bilder vor Londoner Postkartenmotiven die Szenen. Die mit ruhigem Soundtrack unterlegten nächtlichen Wanderungen der beiden Protagonisten durch die Großstadt erinnern stellenweise an Lost in Translation, auch wenn der Skurrilitätsfaktor von London im Vergleich zu Tokio eher begrenzt ist. Die feine Gratwanderung zwischen leichter romantic comedy gefühlsschwerem Drama ist durchaus gelungen, wenn auch mit einigen Längen versehen.
Last Chance Harvey (Liebe auf den zweiten Blick), USA, Großbritannien 2008 - deutscher Kinostart: 16.04.2009








