Filmkritik: Doubt (Glaubensfrage)
(C) Miramax
Ein Hollywood-Film über einen katholischen Priester an einer Schule - da kann es heutzutage nur um Kindesmißbrauch gehen. Soweit, so platt und einfallslos. Aus der vorurteilsgetränkten Ausgangssituation spinnt Doubt aber eine durchaus intelligente Geschichte: Der junge Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) und die herrische Schwester Aloysius (Meryl Streep) liefern sich einen subtilen Machtkampf um die Vorherrschaft in einer New Yorker Gemeinde der Sechziger Jahre.
Schwester Aloysius leitet die katholische Schule des Stadteils mit strengem Regime, genauso streng steht sie den Nonnen in ihrem Kloster vor. Sie duldet weder Widerspruch noch Andersdenken, und ist unter Schülern wie Nonnen gefürchtet. Veränderungen und Modernisierung lehnt sie prinzipiell ab. Ganz anders Pater Flynn, ein freundlicher offener Priester, der verkrustete Strukturen aufbrechen und die konservative Kirche für die neue Zeit öffnen will. Flynn ist formal Vorgesetzter von Schwester Aloysius, aber wie in einem Schachspiel versteht es Schwester Aloysius, ihre Position mit kleinen strategischen Schritten zu verbessern. Ihre große Chance, Flynn zu Fall zu bringen, erkennt sie, als Flynn dem einzigen schwarzen Schüler Donald mehr Aufmerksamkeit zu schenken scheint, als angebracht. Zwischen die Fronten der beiden Protagonisten gerät die junge Schwester James (Amy Adams), die ihrer Oberin zu Gehorsam verpflichtet ist, aber nicht für ihre finsteren Machtspiele und Verdächtigungen als Werkzeug dienen will.
Wie bei dem Titel kaum überraschend, läßt einem der Film bis zum Schluß im Unklaren darüber, ob an der Mißbrauchsgeschichte etwas dran ist. Darin liegt letztlich auch die Stärke der Dramaturgie: der Zuschauer weiß bis zum Schluß nicht, wer hier Gut oder Böse ist und muss seine eigenen Schlüsse ziehen. Beide Protagonisten agieren aus ihrer Perspektive heraus verständlich, die offensichtlichen Symphatien liegen zunächst beim freundlichen Pater Flynn, aber letztlich hängt alles davon ab, wie groß die eigenen Zweifel des Zuschauers an dem Mißbrauchsvorwurf sind, um sich für eine Seite zu entscheiden. Die Grenze zwischen unschuldigem Opfer einer Intrige und perversem Pädophilen ist beunruhigend unscharf.
Die Geschichte wird getragen von hervorragenden Schauspielern, die mit vier Oscar-Nominierungen gewürdigt wurden. Hauptdarstellerin Meryl Streep ist in ihrer Rolle als gestrenge Schwester Oberin allerdings ein wenig over the top - wenn Sie mit dieser übersteigerten Performance Kate Winslet den Oscar weggenommen hätte, wäre das schon arg verwunderlich gewesen. Die Story ist umgesetzt in schönen Bildern und ausgefeilt arrangierte Szenen und Kameraperspektiven, auch wenn Bildsprache von aufziehenden Gewittern, zerberstenden Glühbirnen oder Winds of Change nicht immer sehr subtil ist.
Doubt (Glaubensfrage), USA 2008 - deutscher Kinostart: 05.02.2009








