Filmkritik: Slumdog Millionaire
Danny Boyle scheint sich vorgenommen zu haben, alle Filmgenres einmal durchzuspielen. Nach Drogen-Drama (Trainspotting), Zombiefilm (28 Days Later) oder Science Fiction (Sunrise) versucht er sich jetzt in Bollywood-Gefilden, inklusive Musical-Einlage im Abspann. Und das extrem erfolgreich, Slumdog Millionaire war der große Abräumer bei den diesjährigen Oscars.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jamal (Dev Patel), ein in den Slums von Bombay Mumbai aufgewachsener junger Mann, der als Assistent in einem Call Center arbeitet, und nun als Kandidat beim indischen Wer Wird Millionär kurz davor steht, den Hauptpreis zu gewinnen. Aber in einer Gesellschaft, in der es unvorstellbar ist, dass Professoren und Lehrer nur bis zur 60.000 Rupien Frage kommen, aber ein ungebildeter “Slumdog” es bis zur Finalfrage für 10 Millionen Rupien schafft, landet Jamal durch seinen Erfolg nicht in Reichtum, sondern als Betrüger zunächst im Gefängnis (”What the hell can a slumdog possibly know?”).
Die Gameshow ist nur der Aufhänger dafür, die Lebensgeschichte des jungen Jamal zu erzählen, der fernab vom Glamour der Fernsehshow in den Slums aufgewachsen ist. Die Idee, die Handlung anhand der Fragen des Fernsehquiz aufzuziehen, ist zwar nicht gerade originell, aber sehr effektiv. Wir verfolgen den Weg von Frage 1 bis zum Finale, immer wieder unterbrochen von den Erfahrungen Jamals in den Armenvierteln von Bombay, die erklären, warum er die Antwort auf diese oder jene Frage wissen konnte. Mit jeder Frage erfahren wir eine weitere bittere Geschichte aus dem Leben von Jamal, seines Bruders Salim (Madhur Mittal) und seiner großen Liebe Latika (Freida Pinto).
Eine faszinierende Seite der Globalisierung ist, dass Who wants to be a Millionaire in allen Teilen der Welt gleich aussieht, von den Jingles über die Studiokulisse bis zur Einblendung der Fragen. Nur sitzt statt einem smarten Günter Jauch in Indien ein schmierig-bärtiger Typ auf dem Moderatorenstuhl, zumindest in der Inszenierung von Danny Boyle.
Nervig-irritierend ist, dass die Protagonisten alle englisch mit heftigem indischen Akzent sprechen. Aber in diesem Fall scheint das zumindest halbwegs Sinn zu machen, schließlich ist Englisch eine der indischen Amtssprachen, und die indische Version von Who wants to be a Millionaire wird tatsächlich mehr oder weniger zweisprachig gesendet (und hat ein paar Gesangseinlagen, die man bei Günter Jauch so auch noch nicht gesehen hat). Erinnert dennoch ein wenig an den ebenso Oscar-gekrönten Der Vorleser, bei dem alle Schauspieler storytechnisch sinnfrei mit deutschem Akzent parlieren.
Danny Boyle hat einen beeindruckenden Film mit einer mitreissenden Geschichte geschaffen. Acht Oscars hätte er von mir sicher nicht bekommen, alleine wegen der eher schlichten Independent-Optik. Aber dass ein Film, der so weit weg ist von Hollywoods Glamour, Hochglanzbildern und bekannten Storyelementen, der Überraschungserfolg bei den Oscars war, ist schon beeindruckend. Die exotische Welt extremer Armut, in der Kinder verkrüppelt werden, damit sie besser betteln können, Menschen aus religiös motiviertem Hass umgebracht werden, und die Klassenunterschiede tief in der Gesellschaft verankert sind, würde man eher im Exoten-Genre “Bester nicht-englischsprachiger Film” erwarten, und nicht als Sieger bei den Top-Oscars. Warum allerdings die Musik nun gerade einen Oscar verdient hat, sei mal dahingestellt, der Soundtrack passt zwar durchaus zu den Bildern, ist aber eine eher krude Ethno-Hiphop-Pop Mischung.
Auch das oscargekrönte Drehbuch ist nicht ganz makellos: Die eindringlich erzählte Geschichte wirkt am Ende ein wenig konstruiert. Die finale Quiz-Frage war schon in den ersten zehn Minuten absehbar, und die dramatische Zuspitzung passt nicht ganz zum ansonsten um Authentizität bemühten Werk. Dennoch ist das Ende mitreissend und versöhnt mit den kleinen dramaturgischen Schwächen. Eine ganz und gar unamerikanische Geschichte, die in ihrer Tellerwäscher/Millionär Thematik dann doch wieder sehr amerikanisch ist.
Slumdog Millionaire, Großbritannien 2008 - deutscher Kinostart: 19.3.2009










Der beste Film des Jahres (zusammen mit The Dark Knight), persönliche Meinung. Ganz verdient war er der größte Sieger!