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Filmkritik: Waltz with Bashir

abgelegt unter: Film von Enk am 13.03.2009
bashir
(C) Sony Pictures Classics

“Filme sind doch wie Psychotherapie, oder?”

Spannende Optik in einer Mischung aus Realfilm, Computer- und Zeichentrick. Der oscarnominierte Film des israelischen Regisseurs Ari Folman wurde als erster animierter Dokumentarfilm angekündigt, was der Geschichte aber nur bedingt gerecht wird. Die zugrundeliegende Story beruht zwar auf realen Ereignissen und hat autobiographische Züge, ist in ihrer surrealen Erzählweise aber von einer echten Dokumentation weit entfernt, auch wenn sich Folman einiger Stilmittel des Doku-Genres bedient.

Walz with Bashir (der Titel bezieht sich auf Bachir Gemayel, Anfang der 80er Jahre Präsident des Libanon) thematisiert die psychischen Schäden der israelischen Heimkehrer aus dem Libanonkrieg im Jahr 1982: Die Soldaten haben grauenvolle Dinge gesehen, und werden noch Jahrzehnte später von Albträumen, Flashbacks, und Angstzuständen heimgesucht. Kern ist eine selbstreferenzielle Geschichte: Der Filmregisseur Ari stellt sich seiner Vergangenheit als Soldat und therapiert sich selbst mit diesem Film. Er kann sich an seinen Einsatz im Libanon nur noch schemenhaft erinnern. Durch einen Armeekameraden und seine Albträume auf seine eigenen verdrängten Erinnerungen gestoßen, macht er sich auf den Weg zu weiteren Kampfgefährten, um die Ereignisse von damals, die er aus seinem Gedächtnis gelöscht hat, zu rekonstruieren.

Krieg ist eine schmutzige Angelegenheit, selbst wenn man auf der vermeintlich richtigen Seite kämpft. Und so wie es auf israelischer Seite Kriegsverbrechen, Massaker und ähnliches gegeben hat, gibt es auch israelische Soldaten, die mit diesen Erfahrungen heimgekehrt sind und damit klarkommen müssen. Das zentrale Ereignis, um das sich die Albträume der israelischen Soldaten drehen, ist das Massaker von Sabra und Schatila, bei dem christliche Milizen unter den Augen der israelischen Armee hunderte palestinensischer Zivilisten ermordet haben.

Folman erzählt die Geschichte als visuelles Erlebnis: jede Szene hat neue optische Einfälle und Arrangements. Viele Szenen sehen aus wie ein nachkolorierter Realfilm. Das Spiel mit Licht, Farbe, fliegendem Wechsel zwischen realfilmartigen Szenen und comichafter Überzeichnung ist immer wieder überraschend. Und es gibt viele kleine Details zu entdecken, wenn etwa bei einem Erotikfilm, den die Soldaten schauen, auf einmal ein Galgenmikro im Bild hängt. Diese Ästhetisierung wirkt oft verblüffend, streckenweise aber auch ein wenig aufgesetzt und bedeutungsschwanger. In den Kriegsszenen wird nicht gezimpert, da wird zu launiger Schrammelmusik wild umhergeschossen, Blut fließt, Soldaten oder “Terroristen” fallen tot um, Brutalität und Absurdität des Kriegsalltags wird sehr plastisch sichtbar gemacht. Dazu eine sehr wilde aber passende Soundtrack-Mischung aus epochengerechtem 80er Wave (Enola Gay, This is not a love Song), israelischem Punkrock, Klassik, epischer Filmmusik und diversen weiteren Stilen. Die deutsche Synchronisation wirkt leider ein wenig billig, auch wenn Hauptdarsteller Ari Folman von Christian Brückner (der Synchronstimme u.a. von Robert De Niro) gesprochen wird.

Zunächst sieht es so aus, als ob Walz with Bashir keine Stellung beziehen will. Es gibt nicht Gut oder Böse, die israelischen Soldaten sind verängstigt und wollen schlicht in dem Chaos überleben. Dies ändert sich, als Protagonist Ari immer mehr zum Kern seines Traumas vordringt, dem Massaker in Beirut. In dieser zweiten Hälfte des Films gewinnt das Geschehen auch deutlich dokumentarischeren Charakter, statt Traumszenen und fantastischer Inszenierung sehen wir Interviewszenen mit den Protagonisten, die wie im Guido Knopp Dokudrama die Rekonstruktion der historischen Ereignisse komplettieren. Schließlich blenden die Trickszenen am Schluß in echte Dokumentarszenen des Massakers über, um dem unbedarften Kinozuschauer klar zu machen, dass das keine Fiktion war, kein Comic, sondern ein reales Verbrechen.

Waltz with Bashir, Israel, Deutschland, Frankreich, USA 2008 - deutscher Kinostart: 06.11.2008
9 Punkte


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