Filmkritik: Revolutionary Road (Zeiten des Aufruhrs)
(C) Paramount Vantage
Revolutionary Road ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Richard Yates, der von einem Paar mit großen Plänen für das Leben erzählt, das sich aber nach einigen Ehejahren in der klassischen bürgerlichen Familiensituation mit Haus, Garten und Kindern wiederfindet. Als die beiden merken, dass sie genau dort gelandet sind, wo sie nie hinwollten, versuchen sie, aus den gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und an ihre früheren Ideale und Träume anzuknüpfen.
Viel Zeit verschwendet Regisseur Sam Mendes nicht darauf, eine harmonische Ausgangssituation aufzubauen. Nach einer kurzen Kennenlernszene zwischen April (Kate Winslet) und Frank (Leonardo DiCaprio) sind wir auf einmal schon mittendrin im tristen Ehealltag, mit Streitereien, Beleidigungen, Mißverständnissen und zerplatzen Träumen. Frank und April sind in einer Vororttristesse gelandet, er pendelt täglich in die Stadt zur Arbeit in einem Großraumbüro, sie ist Hausfrau mit zwei Kindern, und nach ihrer Schauspielausbildung nur Mitglied einer drittklassigen Laienspielschar. Die großen Pläne haben sich nicht erfüllt. Frank hatte sich in seiner Jugend geschworen, nicht so spießig zu werden wie sein Vater, aber ist nun mit dreissig genau dort gelandet, bei der gleichen Firma für Büromaschinen. “Dein Vater wäre stolz auf dich” ist für Frank weniger ein Kompliment denn eine deprimierende Feststellung.
Vor der Hochzeit hatten beide große Reisen nach Europa geplant, und so sieht April den Ausweg aus der Spießer-Sackgasse darin, den alten Traum zu leben und nach Paris zu gehen. Paris ist für April die Projektion für alles, was sie in ihrem jetzigen Leben vermisst, die Vorstellung, anders zu sein als die biederen Nachbarn und angepassten Kollegen. Nach einigem Zögern kann sie Frank überzeugen, in ihren Plan einzuwilligen. Aber es kommt natürlich nicht ganz so wie geplant, das Ausbrechen aus den realen und vermeintlichen Zwängen ist schwerer als gedacht. Die Reaktion ihres Umfeldes sind erwartungsgemäß wenig enthusiastisch. Als sie sie ihren Vorortfreunden die großen Pläne verkünden, schwankt die Stimmung zwischen Unverständnis, gespielter Freude und Eifersucht. Bezeichnend (und ein wenig sehr plakativ) ist, dass der einzige, der Franks und Aprils Plan versteht, der psychisch kranke Sohn einer Bekannten ist (”maybe we are just as crazy as he is”).Mendes hat für seine Inszenierung erstklassige Schauspieler besetzt. Neben Mendes Frau Kate Winslet macht auch Leonardo DiCaprio eine sehr überzeugende Figur. Eine durchaus gelungene Pointe, für die Darstellung einer nach Jahren kriselnden Beziehung das Kino-Traumpaar der letzten Dekade zu besetzen - vielleicht war es also ganz gut so, dass es für die beiden in Titanic kein Happy End gab, man sieht ja wo das geendet hätte. Winslet und DiCaprio harmonieren sehr gut miteinander, allerdings hat man wie schon bei Titanic immer irgendwie das Gefühl, dass Milchbubi DiCaprio ein paar Jahre zu jung ist für die sehr weibliche und präsente Kate Winslet (die tatsächlich ein Jahr jünger ist).
Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Neben Kathy Bates als Inbegriff der spießigen Nachbarin überzeugt ihr Filmsohn Michael Shannon, dessen Rolle als Geistesgestörter, der als einziger die Wahrheit auszusprechen wagt, zwar ein wenig platt ist, aber nicht im sonst so oft anzutreffenden Overacting erstarrt, dass regelmäßig eintritt sobald ein Geisteskranker gespielt werden soll. Dass Shannon dafür eine Oscar-Nominimerung bekommen hat, bestätigt allerdings wieder die Regel, dass man für den Oscar entweder Diktatoren oder Verrückte spielen muss. Die großartige Schauspielerriege und eindringliche Inszenierung wird unterstützt von stilechter Fünfziger Jahre Ausstattung und ein melancholisch-instrumentaler Soundtrack, der die Stimmung des Films gut einfängt.
Die Story ist durchaus ambivalent in der Verteilung der Sympathien, es gibt keine Helden und Bösewichte in dieser Beziehung. Beide Rollen bleiben nachvollziehbar und die Sympathien schwanken zwischen den beiden Protagonisten hin und her. April will ihre Träume nicht aufgeben und überstrahlt anfangs klar den auf Risikolosigkeit spielenden Frank, der zu feige ist, seine Träume zu leben, und der seine Ideale lieber für ein komfortables sicheres Leben aufgibt. Aber in ihrer Fixierung, etwas besseres sein zu wollen als die anderen, ist April mit ihren Ambitionen und Vorstellungen von richtigem und falschen Leben so rigoros und selbstgerecht, dass auch sie nicht gerade zur positiven Identifikationsfigur reicht.
Revolutionary Road ist definitiv kein feelgood movie. Die nervenzehrenden Streitereien sind deprimierend glaubwürdig gespielt, die Verzweiflung und Desillusionierung der zerrütteten Ehe in der Vororthölle beklemmed real. Und es ist auch schnell klar, dass hier kein strahlendes Happy End auf den Zuschauer wartet. Zumindest gibt es eine nette Schlußpointe, die zeigt, dass man auch ohne Flucht nach Paris dem spießigen Vororttreiben für eine Weile entkommen kann - in dem man einfach sein Hörgerät abdreht.
Revolutionary Road (Zeiten des Aufruhrs), USA 2008 - deutscher Kinostart: 15.01.2009









