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Filmkritik: Bloody Sunday

abgelegt unter: Film von Enk am 04.12.2008

“You know what you’ve just done, don’t you? You’ve destroyed the civil rights movement, and you’ve given the IRA the biggest victory it will ever have. All over this city tonight, young men will be joining the IRA, and you will reap a whirlwind.“ - Ivan Cooper

Paul Greengrass verfilmte 2002 eines der blutigsten Ereignisse in der jüngeren irischen Geschichte: Den Blutsonntag von 1972, dem deutschen Publikum wohl vor allem durch U2s “Sunday, Bloody Sunday” bekannt. Bei diesem Ereignis ging es nicht wie oft angenommen um blutige Kämpfe zwischen irischen Protestanten und Katholiken, sondern um eine (durchaus konfessionsübergreifende) Bürgerrechtsbewegung gegen staatliche Willkür, deren offiziell verbotener Demonstrationszug von Polizei und Militär niedergeschlagen wurde. Der eigentliche Skandal bestand im Einsatz von britischen Fallschirmjägern, die für den Einsatz gegen die Zivilbevölkerung völlig ungeeignet waren, was zu 14 Toten unter Demonstraten führte.

Greengrass bezieht klar Position, versucht dabei aber die Gratwanderung einer halbwegs differenzierten Betrachtung, soweit das bei dieser Tragödie überhaupt möglich ist. Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass die britischen Fallschirmjäger skrupellos in die Menge schießen, Greengrass zeigt aber sowohl bei einfachen Soldaten als auch bei Polizei- und Militärführung, dass nicht alle Beteiligten das Vorgehen gutgeheißen haben. Und dass es auch auf der Gegenseite gewaltbereite Beteiligte gab: Die Demonstranten bestehen nicht nur aus friedlichen Aktivisten, sondern auch aus jugendlichen Steinewerfern, und im Hintergrund lauern die Gunmen der IRA.

Die fast ausschließlich mit Handkamera gefilmten Szenen sehen aus wie aus einem Kriegsgebiet. Die verwackelten, grobkörnigen Bilder schaffen Authentizität und wirken wie eine Dokumentation mit Live-Bildern. Die Kamera ist mitten im Geschehen, mal unter den Demonstranten, mal in der Einsatzzentrale der Polizei, mal zwischen den britischen Soldaten. Der Effekt ist, dass die fiktionalen Bilder eine große Glaubwürdigkeit ausstrahlen und dem Skandal um das Massaker ein visuelle Gestalt geben.

Die quasi-dokumentarische Darstellung verfehlt ihre Wirkung nicht, die Ereignisse scheinbar objektiv zu schildern. Der Preis dafür ist, dass die Darstellung aus dramaturgischer Sicht ein wenig langatmig und unübersichtlich ist. Die detailgetreue Schilderung der Ereignisse des 30. Januar 1972 ist für den Zuschauer streckenweise ermüdend. Bloody Sunday versucht gar nicht erst, den Zuschauer in eine emotionale Geschichte zu ziehen wie es andere Nordirland-Dramen wie In the Name of the Father getan haben, die nüchternen Bilder haben eher den Charme einer Spiegel-TV Doku. Als einzige Klammer zwischen den Doku-Szenen fokussiert der Film immer wieder auf die Perspektive des Bürgerrechtlers Ivan Cooper (James Nesbitt), der als Hauptorganisator der Demonstration aktiv war. Durch diese kaum vorhandene Dramaturgie entzieht sich der Film auch einer traditionellen Bewertung. Konsequenterweise verzichtet Greengrass auch auf einen Soundtrack, einzig U2s “Sunday Bloody Sunday” wird über den Abspann gelegt.

Warum Bloody Sunday sieben Jahre nach seiner Entstehung nochmal in die deutschen Kinos gekommen ist (2002 hatte Greengrass bereits einen Goldenen Bären auf der Berlinale gewonnen), ist etwas rätselhaft. Die Geschichte des Bloody Sunday hat allerdings bis heute eine erstaunliche Relevanz: Nachdem eine erste Untersuchungskommission 1972 die britische Armee quasi freigesprochen hatte, obwohl zahlreiche Augenzeugenberichte der offiziellen Darstellung widersprachen, initiierte Tony Blair 1998 eine neue Untersuchungskommission. Diese hat ihre Arbeiten bis heute noch nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse sind nach der jüngsten Verschiebung jetzt für 2009 angekündigt.

Bloody Sunday, Großbritannien, Irland 2002 - deutscher Kinostart: 15.11.2008
6 Punkte


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