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Filmkritik: Westworld

abgelegt unter: Film von Enk am 06.11.2008

(C) Metro-Goldwyn-Mayer

“The vacation of the future - today!”

Zum Tod von Michael Crichton ein Rückblick auf sein frühes Meisterwerk: Für den Sci-Fi-Klassiker Westworld hatte Crichton nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch selbst Regie geführt.

Es scheint derzeit ganz angesagt zu sein, sich an die filmischen Ikonen seiner Jugend zu erinnern (und dabei auch schwere Enttäuschungen zu erleben). Westworld ist einer der gruseligsten Filme, die ich aus meiner frühen Jugend in Erinnerung habe. Szenen wie das säurezerfressene Gesicht von Yul Brunner, oder die gespenstisch pixelige Perspektive der Roboter, durch deren Augen immer wieder Einstellungen gezeigt wurden, haben sich für lange Zeit ins Gedächtnis gebrannt. Umso spannender zu erfahren, ob Crichtons Frühwerk auch heute noch die gleiche Faszination ausüben kann.

Wie in Jurassic Park zehn Jahre später entwirft Michael Crichton in Westworld 1973 eine absolut glaubwürdige Vision eines futuristischen Freizeitparks: Der Freizeitkonzern Delos hat mit Medieval World, Roman World, Western World drei Theme Parks für Erwachsene erschaffen, in denen die jeweiligen historischen Epochen zum Leben erweckt werden. Die Parkbesucher können an mittelalterlichen Ritterspielen oder römischen Gelagen teilnehmen. Westworld bietet im Wild West Setting alles, was das Cowboy-Herz begehrt: Sex, Alkohol, Saloon-Schlägereien und blutige Schießereien. Täuschend echt in Szene gesetzt durch authentische Kulissen und lebensechte Roboter, so dass den Gästen trotz aller Spannung nichts ernsthaft passieren kann - “It may look rough, but it’s still just a resort”. Bis das System aus dem Ruder läuft, und die Roboter ein brutales Eigenleben entwickeln…

Westworld beginnt in bewußt entspannten Erzähltempo. Wir sehen die beiden Protagonisten Peter (Richard Benjamin) und John (James Brolin) auf dem Weg in die Ferienanlage, durch futuristische Korridore und Transportmittel. Und werden gemächlich eingeführt in die fantastische Welt von Delos, vor allem der Western World, die einer alten Westernstadt des 19. Jahrhunderts nachempfunden ist, nur das hier die Bewohner durch lebensechte Roboter repräsentiert werden. Peter und John amüsieren sich im Saloon oder im Bordell, planen Gefängnisausbrüche und werden immer mal wieder in Schießereien verwickelt mit dem düsteren Gunslinger (Yul Brunner), der aber auch nach erfolgreichem Niederstrecken am nächsten Morgen wieder als Gegner bereitsteht, weil er über Nacht vom Delos-Team wiederhergestellt wurde.

Von den Delos-Werbespots über die futuristische Anreise mit einem Luftkissenboot bis zur unterirdischen Administrationsebene, in der die Roboter repariert werden, ist die Inszenierung dieses Sci-Fi-Parks konsequent und äußerst glaubwürdig umgesetzt. Für damalige Verhältnisse revolutionär ist der Einsatz digitaler Effekte, wie die eingangs erwähnten Szenen aus Robotersicht, in der das Bild grobpixelig aufgelöst ist. Natürlich wirken viele der Sci-Fi Elemente aus heutiger Perspektive etwas altbacken: wild blinkende Kontroll-Lampen, dicke Röhrenmonitore, rotierende Magnetbänder, etc. , aber diese Retro-Sci-Fi Optik ist sehr stylish und konsistent, und hat aus heutiger Sicht ja schon wieder einen ganz eigenen Appeal.

Crichton schafft es geschickt, die anfangs locker-entspannte Atmosphäre immer bedrohlicher wirken zu lassen - der comic relief, der zu Beginn noch durch spleenige Parkbesucher oder klamaukig übersteigerte Saloon-Schlägereien eingesetzt wird, verschwindet zusehends in der düsteren Atmosphäre eines von Robotern kontrollierten Geschehens, in dem die menschlichen Besucher zu Gejagten werden. Auch wenn die Special Effects, etwa das eingangs erwähnte säurezerfressene Gesicht des Gunslinger, aus heutiger Perspektive nicht mehr ganz so beeindruckend sind, schafft es Westworld auch heute noch, die Spannung und Atmosphäre aufrechtzuerhalten. Die gruselige Stimmung wird unterstützt durch einen düstereren und sehr reduzierten Soundtrack.

Yul Brunner als schwarz gekleideter Gunslinger ist brillant. Mit leuchtend kalten Augen und reduzierter Mimik läuft er wie ein unaufhaltsames Uhrwerk seiner tödlichen Bestimmung entgegen. Gunslinger ist ein fortgeschrittenes Modell, das kaum zu besiegen ist und auch nach scheinbarer Zerstörung immer wieder aufzuerstehen scheint. Diese Figur, optisch angelehnt an Brunners Rolle im Western The Magnificent Seven, war u.a. die Vorlage für John Carpenters Michael Myers in Halloween, läßt sich aber auch in der Dramaturgie der Terminator-Filme wiederfinden.

Das von Crichton erdachte Tunnelsystem unter dem Freizeitpark, durch das vom Parkbesucher unbemerkt die Logistik des Freizeitparks abgewickelt wird, defekte Roboter repariert werden und das Geschehen gesteuert wird, ist in Ansätzen übrigens tatsächlich in Disney World realisiert worden. Crichton wiederum bekam die Idee zu Westworld angeblich nach einem Besuch von Disneyland, wo er von den dortigen lebensechten Animatronic-Figuren begeistert war. Die Ironie daran ist, dass ich diese animierten Puppen in Disney World, die eigentlich kitschig-familienorientierte Disney-Unterhaltung sein sollen, ziemlich gruselig fand, weil sie mich zu sehr an die wildgewordene Roboter aus Westworld erinnerten.

Westworld ist auch heute noch großes Kino. Der Stellenwert in der Filmgeschichte wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass es ein Sequel (Futureworld, mit Peter Fonda und Yul Brunner) und eine (mäßig erfolgreiche) Fernsehserie (Beyond Westworld) als Spin-Off gab. Darüber hinaus ist für 2009 ein Remake angekündigt. Drehbuchautor hierfür ist Billy Ray (Flight Plan, Volcano) - Crichton selber hatte angeblich abgelehnt mit den Worten: “I already remade that movie; the remake was called Jurassic Park”

Westworld, USA 1973
10 Punkte


1 Kommentar »

  1. Westworld ist auch einer meiner absoluten Kindheits-Klassiker! Futureworld ist ok, fällt gegenüber dem Original allerdings deutlich ab.
    Witzig ist ja, dass ich bisher nie darüber nachgedacht habe, aber Jurassik Park ist wirklich ein ganz offensichtliches Remake von Westworld!

    Gravatar Image Comment von SpielerZwei — 7.11.2008 @ 13:21

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