Filmkritik: Der Baader Meinhof Komplex
Bernd Eichinger hat für die Verfilmung der RAF-Geschichte kurzerhand dem Untergang-Ensemble die Wehrmachtsuniformen ausgezogen und es in flippige 70er Jahre Klamotten gesteckt. Neben Bruno Ganz als Chefermittler Adolf Hitler Horst Herold spielt wieder alles mit, was im deutschen Kino Rang und Namen hat, auch Alexandra Maria Lara darf natürlich nicht fehlen (allerdings diesmal in einer sehr kleinen Nebenrolle).
Beeindruckend ist vor allem Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, der in Revoluzzer-Pose, mit Chauvi-Sprüchen, schnellen Autos und Lederjacke das Geschehen beherrscht. Von den weiblichen Darstellern überzeugt insbesondere Nadja Uhl als eiskalte Brigitte Mohnhaupt, die als Kopf der zweiten RAF-Generation u.a. hinter der Schleyer-Entführung steckte. Etwas wirr ist die Rolle von Martina Gedeck als Ulrike Meinhof angelegt, aber hier mag das historische Vorbild keine dramaturgisch dankbarere Story hergegeben haben.
Überhaupt fühlt sich “Der Baader-Meinhof Komplex” über weite Strecken an wie ein verfilmtes Geschichtsbuch (was es faktisch ja auch ist). Was nicht schlecht sein muss, aber auf Kosten einer stringenten Handlung und Dramaturgie geht - die vielen Haupt- und Nebenfiguren erschließen sich oft nur, wenn man die Geschichte der RAF halbwegs kennt, bei der zweiten und dritten Generation der Terroristen werden die Figuren kaum noch eingeführt, sondern sind auf einmal da und verschwinden wieder. Da das Drehbuch alle bekannten Stationen der RAF-Geschichte abhaken wollte, von der Ermordung Benno Ohnesorgs 1967 bis zur Entführung der Landshut zehn Jahre später, wird die Handlung zunehmend hektisch und unübersichtlich.
Im Kontrast dazu nimmt sich der Film (zu) viel Zeit für sehr langatmigen Szenen im Gefängnis, die das Geschehen in der zweiten Hälfte des Films bestimmen. Wenn man weiß, wie sehr die Diskussion um “Isolationsfolter” damals die politische Diskussion beherrscht hat, ist verständlich, dass man dem Thema auch im Film entsprechenden Raum einräumen wollte, tatsächlich wirkt der Zickenkrieg zwischen Ensslin und Meinhof in Stammheim aus heutiger Perspektive seltsam irrelevant. Rückwirkend wirkt es - in Anbetracht von aktuellen Diskussionen um Guantanamo - geradezu lächerlich, wie sensibel zur damaligen Zeit mit den Haftbedingungen der Top-Terroristen verfahren wurde, die lange Zeit in Stammheim ein vergleichsweise komfortables Leben im Gemeinschaftstrakt führten und von dort regelmäßigen Kontakt zu den Terrorzellen außerhalb halten konnten, um weitere Terroraktionen zu steuern.
Die Dialoge wirken streckenweise hölzern und unwirklich, man kann sich kaum vorstellen, dass die Protagonisten damals auch untereinander den Revolutions- und Marxismus-Sprech benutzt haben, der die offiziellen Verlautbarungen und “Bekennerschreiben” beherrschte und sich um “Kampf gegen den Imperialismus”, “Abweichen von der Hauptlinie” und “konterrevolutionäre Kräfte” auch beim Küchentisch gestritten haben. Andererseits, wer mal bei einer JuSo-Versammlung war sieht das vielleicht anders.
Der Film schafft eine feine Gratwanderung zwischen Mythos und Heldenverehrung auf der einen Seite und unverklärter Sicht auf das brutale Morden auf der anderen Seite. Gerade die Figur des Andreas Baader wird hier anfangs nochmal zur Ikone der Rebellion stilisiert, von der eine nicht zu leugnende Faszination ausgeht. Baader wird damit für manch pubertierenden Möchtegern-Autonomen sicher als role model wiederentdeckt werden. Das Terroristenleben, gerade in der Anfangszeit, zwischen Banküberfällen, sexueller Freizügigkeit, Terrorcamps im nahen Osten und nächtlichen Spritztouren in geklauten Autos, wirkt zunächst wie eine Bonnie&Clyde Nummer zwischen Baader, Ensslin & Co.
Gerade zu Beginn wird mit viel Empathie für die Beteiligten die Entstehung der RAF nachgezeichnet und die Motive für die Radikalisierung betont: etwa wenn die brutalen Polizeieinsätze beim Schah-Besuch sehr explizit gezeigt werden um die Wut gegen “das System” verständlich zu machen. Auf der anderen Seite wird später genauso schonungslos gezeigt, wie das Morden der RAF aussah. Was eben keine heroische Tat war, sondern brutal und feige. Wenn man Eichinger glauben darf, sind die Szenen der Attentate penibel genau dem damaligen Tatgeschehen nachempfunden. Bemerkenswert ist hier die Szene der Ermordung von Dresdner Bank Chef Jürgen Ponto, bei der sich die RAF über eine Freundin der Familie, Susanne Albrecht, Zutritt zur Wohnung verschafft, mit offenen Armen zum Kaffeetisch eingeladen wird und Ponto dann brutal in Gegenwart seiner Frau erschießt. Hier liegt der ganz große Verdienst des Films, den Terroranschlägen der RAF, die man bislang nur aus verwaschenen Tatortfotos alter Tagesschauaufnahmen kannte, eine visuelle Form zu geben und damit einer Glorifizierung entgegenzuwirken.
Eine neue Erkenntnis hat der Film auch gebracht: Wenn die RAF-Terroristen sich nicht selber umgebracht hätten, wären sie vermutlich kurze Zeit später an Lungenkrebs gestorben - soviel geraucht wie in diesem Film wurde schon lange nicht mehr.
Der Baader Meinhof Komplex, Deutschland 2008 - deutscher Kinostart: 25.09.2008










