Filmkritik: Wanted
Wesley Gibson (James McAvoy) ist ein unscheinbarer Sachbearbeiter, der von seiner Chefin tyrannisiert wird, chronische Angstattacken hat und eine Freundin, die ihn mit dem besten Freund betrügt. Er ist so unscheinbar, dass Google unter seinem Namen keinen einzigen Treffer liefert. Sein tristes Leben ändert sich abrupt, als ihn in der Apotheke eine mysteriöse Frau anspricht und anschließend in eine wilde Schießerei verwickelt. Fox (Angelina Jolie) eröffnet Wesley, dass sein unbekannter Vater der größte Attentäter aller Zeiten war - und gerade ermordet wurde. Und Wesley hat nicht nur ein paar Millionen Dollar geerbt, sondern auch die Gabe des Vaters, ein brillanter Attentäter zu sein. Diese Gabe ist vor allem ein stark gesteigertes Reaktionsvermögen, dass ihm quasi Superheldenkräfte verleiht und matrix-like Pistolenkugeln ausweichen läßt.
Wanted basiert auf einer Comicserie, was die etwas abstruseren Story-Einfälle erklären mag. Kern der Geschichte ist die “Bruderschaft”, die aus einem riesigen Webstuhl geheimnisvolle Codes entschlüsselt mit Namen, die es zu eliminieren gilt, um das Chaos auf Erden in den Griff zu bekommen (”Kill one, and maybe save a thousand”). Oder so. Wesleys Vater hat für diese Bruderschaft gearbeitet, und nun soll Wesley im Auftrag der Bruderschaft den Mörder seines Vaters eliminieren.
Erstmal muss Wesley aber ein hartes Trainingsprogramm absolvieren, in dem er auf recht rustikale Weise den Umgang mit Messern, Schusswaffen und ähnlichem erlernt. Die Szenen im Trainingslager spielen intensiv mit der Prämisse, dass ein kleiner unbedarfter Buchhalter auf einmal das Killerhandwerk und seine ungewöhnlichen Kräfte kennenlernt, durch die er zum Beispiel Pistolenkugeln um die Ecke schießen kann. Natürlich ist das alles ein wenig zuviel für den ängstlichen Buchhalter, der Wesley bislang war, und er braucht Zeit, um sich an seine neue Rolle zu gewöhnen und seine verborgenen Kräfte zu entdecken. Aber Schritt für Schritt erwacht unbekanntes Selbstbewußtsein in ihm.
Aus Loser wird Superheld - das ist ja auch bei Peter Parker nicht anders gewesen, diese Prämisse wird hier nochmal auf die Spitze getrieben. Und James McAvoy strahlt eine ähnliche Mischung aus harmloser Naivität und wilder Entschlossenheit aus, die auch Tobey Maguire als Peter Parker/ Spiderman auszeichnet. Thomas Kretschmann muss ausnahmsweise mal nicht den Nazi geben, sondern spielt den mysteriösen Gegenspieler Cross, der die Bruderschaft aus unerfindlichen Gründen zu zerstören sucht. Das Mastermind der Bruderschaft ist Sloan, verkörpert von Morgan Freeman, der hier eine etwas abgewandelte Form seiner Standardrolle des sanftmütigen Weisen spielen darf.
Zuschauern, die schon mehr als einen Hollywood Sci-Fi-Thriller gesehen haben, ist schnell klar, dass nicht so klar ist, wer hier eigentlich die Guten und die Bösen in dem Spiel sind, und auch die Hauptfigur Wesley gerät in dem Verwirrspiel schnell zwischen die Fronten.
Regisseur Timur Bekmambetov hat sich mit den russischen Blockbustern Wächter der Nacht und Wächter des Tages einen Namen gemacht, und durfte nun auch seinen ersten Hollywoodstreifen mit US-Stars abliefern. Bekmambetov inszeniert Wanted als rasantes Spektakel mit viel blutiger Action in Ultra Slow Motion und bullet time. Die Optik ist bestimmt durch überdrehte Szenen, in denen gerne mal dem Lauf der Pistolenkugeln gefolgt wird, oder Angelina Jolie breitbeinig mit den Füßen einen Sportwagen steuert, während sie mit dem Oberkörper auf der Motorhaube liegt und mit beiden Händen die rückwärtigen Verfolger beschießt. Oder ein Protagonist von einem Wolkenkratzer zum anderen springt und dabei gleichzeitig reihenweise Gegner erschießt. Das Ganze garniert mit vielen Gimmicks: ungewöhnliche Schnitte und Überblendungen, rückwärts laufende Szenen, oder Botschaften, die wie zufällig aus umherfliegenden Keyboard-Tasten erscheinen.
Beim Showdown in einem entgleisenden Zug wirds dann allerdings arg abstrus und auch die Trickeffekte erinnern zwischenzeitlich eher an 70er Jahre Katastrophenfilme. Das wendet sich aber beim furiosen Finale nochmal zum Guten, die Choreographie des finalen Shoot-Outs erinnert stark an das Schlachtfest von 300, nur dass hier mit Pistolen und Maschinengewehren statt mit Schwertern gekämpft wird.
Man kann an Wanted viele Dinge finden, die zu kritisieren wären. Die Storyelemente sind wild zusammengeklaut aus Hitman, Matrix, Bourne Identity und X-Men und zu einem ziemlich fantastischen Brei zusammengekocht. Das eine oder andere Logikloch wird nur notdürftig durch die special effects Orgie überdeckt. Auf der anderen Seite ist Wanted rasant inszeniert und unterhält gut, hat eine exzellente Besetzung, und die abstruseren Story-Einfälle werden durch eine nette Schlußpointe wieder gutgemacht - da hat man schon unintelligenter gemachtes Popcornkino gesehen. Und man sieht den nackten Hintern von Angelina Jolie, ist ja auch was (was allerdings angeblich ein Body-Double war, weil Mrs. Jolie-Pitt ein wenig zu abgemagert zu sein scheint für echte Nackszenen).
Wanted, USA 2008 - deutscher Kinostart: 04.09.2008









