WiiFit
WiiFit sind eigentlich zwei bis drei Spiele in einem. Während die Yoga-, Muskelaufbau- und Aerobic-Übungen für den klassischen Konsolenspieler eher ungewohnt sind und wohl vor allem auf ein weibliches Zielpublikum schielen, sind die Balance-Spiele auch für den Knöpfchendrücker vertraut: Vom Skirennen bis zu Marble Madness-artigem Kugelspielchen sind die Konzepte auch schon aus Spielen mit klassischer Steuerung bekannt.
Was die Yoga-Abteilung angeht, ist vor allem etwas enttäuschend, dass die komplexen Wii-Controllerfunktionen hier praktisch ungenutzt bleiben. I.d.R. wird nur gemessen, wie gerade man bei einer Übung auf dem Balance Board steht. Ob ich Hände, Füße und sonstige Gliedmaßen aber richtig zum “Sonnengruß”, “sterbenden Schwan”, oder dreifachen Rittberger bewege, bleibt der persönlichen Einschätzung überlassen. Hier hätte man mit Einbeziehung von WiiMote und Nunchuck in vielen Fällen ein besseres und komplexeres Feedback realisieren können. Letztlich ist der Yoga-Teil nicht viel mehr als eine (wenn auch ganz gut gemachte) interaktive Trainings-DVD.
Die Muskelaufbau- und Aerobic-Übungen gehen - was die Einbeziehung der Wii-Steuerungsmöglichkeiten angeht, einen Schritt weiter. So wird z.B. beim WiiFit-Boxen das Balance Board mit Nunchuk und WiiMote-Steuerung kombiniert, so dass man recht glaubhaft vermittelt bekommt, mit dem ganzen Körper einbezogen zu werden. Am anderen Ende der Interaktivitäts-Skala ist das Jogging, bei dem das Auf-der-Stelle-Laufen nur durch die WiiMote in der Hosentasche gemessen wird - und dazu verleitet, einfach auf dem Sofa sitzenzubleiben und die WiiMote zu schütteln.
Das Highlight von WiiFit sind aber eindeutig die Balance-Spiele, eine Sammlung von (nach und nach freizuspielenden) Minispielen, die das Balance Board auf unterschiedlichste Weise nutzen. Neben eher simplen und nintendotypisch kindergartenbunten Herausforderungen wie dem “Pinguin-Picknick” wird bei einigen Spielen deutlich, wie gut die Balance Board Steuerung funktioniert. Genauso wie WiiSports für Tennis oder Bowling die Spielerfahrung an der Konsole revolutioniert hat, ist mit dem Balance Board beim Ski- und Snowboardfahren das Spielgefühl um Meilen näher am echten Ding, als es die aufwändigsten Hochleistungsgrafikwunder auf einer PS3 oder Xbox 360 je schaffen werden. Denn was nützt die prachtvollste 3D-Grafik, wenn ich tatsächlich nur ein paar Knöpfchen drücke um im Slalom den Berg hinunterzurasen, anstatt auf einem echten Board zu stehen und mit dem ganzen Körper zu steuern. Hier spielt WiiFit seinen unschlagbaren Vorteil aus, und man kann nur hoffen, dass die neue Steuerung zukünftig auch in komplexeren Skater- oder Skispielen zum Einsatz kommt.
Was WiiFit wirklich gut macht, ist das Zusammenschnüren von unterschiedlichen Spielelementen zu einem Gesamtpaket: Das übergreifende Zeitkonto, mit dem neue Aktionen freigespielt werden. Das Spielerprofil,das Fort- oder Rückschritte beim Gewicht schön plastisch auch am Bauchumfang des eigenen Miis visualisiert. Und vor allem die Langzeitmotivation mit regelmäßigem Fitnesstest, WiiFit-Alter als Fortschrittsindikator und diversen Statistiken zur persönlichen Entwicklung. WiiFit versteht es dabei, durch viele Kleinigkeiten zu motivieren. Ist Spieler 1 beispielsweise schon eine Woche nicht mehr auf dem Balance Board gewesen, fragt WiiFit auch schon mal bei Spieler 2 nach, was denn mit Spieler 1 los sei, und ob dieser in letzter Zeit einen etwas unfitten Eindruck machen würde. Oft nur kleine Details, aber in Summe eine durchdachte Geschichte.
Ist WiiFit nun die Allzweckwaffe gegen Fettleibigkeit bei Computernerds und Konsolen-Kids? Wird unsere Jugend jetzt nicht mehr an BicMac-Verfettung und Bewegungslosigkeit zugrundegehen? Ja und nein.
Natürlich ersetzt ein bisschen Rumhopsen auf dem Balance Board kein Fitness-Studio, und die Tipps zur gesunden Ernährung, die WiiFit immer mal wieder einstreut, werden kaum einen Jugendlichen von der Tiefkühlpizza abbringen. Aber wer WiiFit vorwirft, es sei kein Ersatz für ein Fitnessstudio, hat den Anspruch des ganzen nicht verstanden (und könnte genauso gut kritisieren, das Aspirin Mist ist, weil es ja nur bei Kopfschmerzen wirkt und keinen Krebs heilt): In erster Linie ist WiiFit ein Spiel, das Spaß machen und unterhalten soll. Und wenn WiiFit zusätzlich dabei hilft, sich überhaupt mal mit dem Konzept “Bewegung” auseinanderzusetzen, ein besseres Körpergefühl zu bekommen und auch mal über einen längeren Zeitraum aktiv zu werden, ist schon mehr gewonnen als mit so manchem Appell, doch bitte mehr Sport zu treiben. Und ja, man kann vom WiiFit-Training ins Schwitzen kommen und einen Muskelkater kriegen, wenn das als Indikator für “sportliche Betätigung” zulässig ist.
(Dieser Artikel erscheint - zusammen mit anderen Meinungen zu WiiFit - auch bei polyneux.de)








