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Filmkritik: Charlie Wilson’s War (Der Krieg des Charlie Wilson)

abgelegt unter: Film von Enk am 07.02.2008

“We always go in with our ideals, and we change the world, and then we leave. But the ball though, it keeps on bouncing.”

Ich muss meine Abneigung gegen Tom Hanks wohl langsam mal überwinden. Zumindest solange man seine furchtbare deutsche Synchronstimme nicht ertragen muss, kann man leider nicht bestreiten, dass er ein exzellenter Schauspieler ist. In seinem neuen Film spielt er Charlie Wilson, einen amerikanischen Kongressabgeordneten, der in den achziger Jahren maßgeblichen Einfluß daran hatte, dass die USA die Widerstandsbewegung im russisch besetzten Afghanistan unterstützt haben.

Wilson hat einen ausschweifenden Lebensstil und genießt sein Leben als privilegierter Kongressmann. In seinem Vorzimmer beschäftigt er bevorzugt Blondinen (”You can teach them to type, but you can’t teach them to grow tits”), trinkt schon morgens gerne eine Whiskey und läßt auch ansonsten wenig anbrennen. Eine seiner Liebschaften ist die einflußreiche Joanne Herring (Julia Roberts). Die überzeugte Antikommunistin macht ihn auf die russische Besatzung Afghanistans und die blutige Unterdrückung der Aufständischen dort aufmerksam. Nach einem Besuch in einem Flüchtlingslager an der pakistanischen Grenze entschließt sich Wilson, die Mudschaheddin in ihrem Kampf mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Zunächst nur eine kleine verdeckte Aktion, wird die Waffenhilfe für den afghanischen Widerstand zu einem milliardenschweren Programm, das schließlich zum Rückzug der Russen aus dem Land beiträgt.

Wie schon bei seinem letzten Werk “Closer” beweist Regisseur Mike Nichols ein gutes Gespür für Timing und Besetzung. Neben Hanks und Roberts (die auch schon in Closer ungewöhnlich besetzt war) gefällt vor allem Philip Seymour Hoffman als grantiger CIA-Agent, eine Rolle für die er zu Recht Oscar-nominiert wurde. Die intelligenten und spritzigen Dialoge bewegen sich auf hohem Niveau, man merkt, dass das Drehbuch aus der Feder von Aaron Sorkin, dem Erfinder der Erfolgserie “The West Wing”, stammt. Auch ausstattungsmäßig werden die achziger Jahre, von den Frisuren über die Klamotten bis zur biederen Büroeinrichtung, sehr authentisch in Szene gesetzt.

Es ist ein interessanter Effekt, einen Film über den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan erst jetzt, über 15 Jahre nach dem Zerfall der UDSSR zu zeigen. Derselbe Film wäre in den 80ern vermutlich als antikommunistische Hetzprogaganda bewertet worden, der die Russen als Zivilisten mordende Horde zeigt, die den Weltfrieden bedrohen und kleine Kinder mit als Spielzeug getarnten Sprengkörpern töten. Einer der letzten großen Hollywood-Filme über diese Zeit war 1988 noch ganz unironisch “to the gallant people of Afghanistan” gewidmet und gilt zu recht als einfältige Kalter-Kriegs-Propaganda.

Mit dem heutigen Wissen, dass die dort so heldenhaft verteidigten Mudschaheddin ein paar Jahre später im “Krieg gegen den Terror” die Russen als Hauptfeind der USA abgelöst haben, wird die Perspektive von Charlie Wilson’s War aber auf einmal viel spannender. Wilsons “Sieg” über den Kommunismus hat sich im Nachhinein als nicht so glorreich für Afghanistan herausgestellt. Und Handlungsorte wie Mazar-e-Sharif sind einem heute eher vertraut als Stationierungsorte der Bundeswehr in einem kriegszerstörten Land.

Die “Gut gegen Böse” Thematik, die in vielen Szenen des Films sehr dick aufgetragen wird, wenn etwa das Elend afghanischer Flüchtlingslager gezeigt wird oder minutenlang Erfolgsstatistiken über abgeschossene sowjetische Hubschrauber bebildert werden, gewinnt durch diese historische Perspektive an Tiefe und Differenziertheit. Der Film ist sich dieser Perspektive sehr bewußt und relativiert gegen Ende allzu hurra-patriotische Gefühle durch eine ernüchternde Bewertung langfristigen amerikanischen Afghanistan-Strategie.

Auch sind die Helden auf amerikanischer Seite bei weitem nicht so strahlend. Wilson ist ein trinksüchtiger Frauenheld, der unterstützt wird von korrupten oder naiv-fundamentalchristlichen Senatoren und dekadenten Salon-Antikommunisten. Diese Grautöne machen die streckenweise etwas platten Verbrüderungsszenen mit den unterdrückten Mudschaheddin erträglich.

Charlie Wilson’s War ist zwar die Verfilmung historischer Ereignisse, die aktuellen Bezüge sind aber offensichtlich. Mit der amerikanischen Unterstützung für die Mudschaheddin und der dann ausbleibenden Aufbauhilfe nach dem Krieg wurde der Grundstein gelegt für eine verhängisvolle Entwicklung, die über das Taliban-Regime und den 11. September bis hin zur heutigen desolaten Lage Afghanistans reicht. Natürlich sind diese Entwicklungen nicht so monokausal und zwingend wie der Film es an einigen Stellen suggeriert, aber für eine große Hollywood-Produktion, die nicht zuletzt unterhalten soll, ist das Bild, das gezeichnet wird, erstaunlich vielschichtig.

Charlie Wilson’s War (Der Krieg des Charlie Wilson), USA 2007 - deutscher Kinostart: 07.02.2008
9 Punkte


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