Filmkritik: Auf der anderen Seite
Fatih Akins zweiter Film seiner “Liebe, Tod und Teufel”-Trilogie, die mit dem hochgelobten und sehenswerten “Gegen die Wand” begann, handelt vom angekündigten Tod zweier Frauen:
Yeter, eine kurdischstämmige Türkin, arbeitet als Prostituierte im Bremer Rotlichtviertel und lernt dort den alten Türken Ali (Tuncel Kurtiz) kennen. Er bietet ihr an, sie zu bezahlen, damit sie bei ihm wohnt und nur noch mit ihm schläft. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), ist von der neuen Begleiterin seines Vaters irritiert, kommt ihr aber näher, als der Vater einen Herzinfarkt erleidet.
Lotte ist eine deutsche Studentin, die in der Mensa die Kurdin Ayten (Nurgül Yesilçay) kennenlernt. Ayten ist gerade aus der Türkei geflohen, wo sie als Terroristin gesucht wird. Die beiden verlieben sich ineinander, und Lotte versteckt Ayten im Haus ihrer Mutter (Hanna Schygulla).
Die ineinander verwobenen Geschichten berühren sich immer wieder und laufen doch tragisch aneinander vorbei. Dass Lotte und Yeter sterben, macht Akin mit einer Einblendung schon zu Beginn klar, aber der Tod kommt jedesmal unvermittelt, geradezu unsinnig. Der Tod ist dabei aber nicht das Ende, sondern nur ein Wendepunkt in der komplexen Geschichte.
Fatih Akin entwirft eine spannende Ansammlung von ungewöhnlichen Figuren, die sich zwischen deutscher, kurdischer, türkischer und deutschtürkischer Kultur bewegen und in irritierenden Kombinationen aufeinanderprallen. Es sind diese ungewöhnlichen Kombinationen, die auch schon im Vorgänger “Gegen die Wand” aufsehenerregend waren. So zum Beispiel eine Szene, in der eine kurdische Aktivistin mit einer bedächtigen Bremer Hausfrau über über die Türkei und die Europäische Union streitet. Die Dialoge sind ein Sprachkauderwelsch aus deutsch, englisch und türkisch, die Protagonisten wechseln fließend mit jedem Satz hin und her.
“Auf der anderen Seite” erzählt von türkischer Doppelmoral, mit der die Männer ins Bordell gehen, aber nicht ertragen können, wenn türkische Frauen als Prostituierte arbeiten. Von selbstgerechten deutschen Gutmenschen, die Kritik an ihrer Haltung als “typisch deutsch” abtun. Von türkischen Vater-Sohn Zerwürfnissen und deutschen Mutter-Tochter Konflikten.
Akin hat ein ruhiges, geradezu episches Erzähltempo, ohne dabei zu langweilen, was das Verständnis der komplexen Handlungsbögen erleichtert. Die Szenen wirken extrem authentisch, fast dokumentarisch. Fatih Akin schafft es, die Sets echt wirken zu lassen, ob es sich nun um deutsche Universitäten, Istanbuler Polizeistationen, das Bremer Rotlichtviertel oder die türkische Schwarzmeerküste handelt. Auch die Figuren wirken in ihrer Vielschichtigkeit glaubwürdig, und das konstruierte Ineinangergreifen der zwei Erzählstränge tut dieser Glaubwürdigkeit keine Abbruch. Nicht zuletzt weil Akin keine vorhersehbare Auflösung anbietet, die die beiden Geschichten zuende führt, sondern beide Handlungsstränge melancholisch aber durchaus optimistisch auslaufen läßt.
Ich bin zwar nicht soweit, gleich die Höchstwertung zu geben, im Vergleich fand ich Gegen Die Wand noch eine Spur besser. Aber nach den beiden sehr sehenswerten Umsetzungen der Themen “Liebe” und “Tod” darf man sehr gespannt sein, was Akin für den dritten Teil seiner Trilogie zum Thema “Teufel” einfällt.
Auf der anderen Seite, Deutschland 2007 - deutscher Kinostart: 27.09.2007










