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Filmkritik: Letters from Iwo Jima

abgelegt unter: Film von Enk am 22.06.2007

“Ich möchte meine Pflicht für den General und unser Land erfüllen, aber ich möchte für nichts sterben”

Letters from Iwo Jima ist Clint Eastwoods zweiter Film über die Schlacht von Iwo Jima gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Während Flags of our Fathers zwischen verschiedenen Ebenen hin und hersprang und vor allem die Geschichte des berühmten Flaggen-Fotos von Joe Rosenthal erzählt hat, konzentriert sich Letters from Iwo Jima auf die eigentliche Schlacht um die japanische Insel, diesmal aus rein japanischer Perspektive (es gibt eine - unbedeutende - Rahmenhandlung in der Jetzt-Zeit, die aber das Kriegsgeschehen nur einfaßt). Beide Filme wurden parallel gedreht mit dem Anspruch, das Kriegsereignis nicht wie üblich aus der Sicht des Siegers (oder seltener: des Verlierers) zu erzählen und den Feind nur als namenlosen Gegner darzustellen, sondern beide Seiten zu betrachten.

Um die japanische Perspektive so authentisch wie möglich zu machen, ist der Film komplett in Japanisch gedreht worden und nur mit Untertiteln erschienen. Diese sehr mutige Entscheidung war aber vermutlich ein Hauptgrund dafür, dass das Einspielergebnis in den USA mit knapp 14 Mio US$ weit hinter dem Zwillingsfilm Flags of our Fathers zurückblieb (letzterer war allerdings auch um einiges teurer).

Der Film beginnt sehr ruhig mit den Vorbereitungen der Japaner auf die amerikanische Invasion, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. General Kuribayashi (Ken Watanabe) ist nach Iwo Jima abkommandiert worden, um die Verteidigung der Insel zu organisieren. Er findet eine desolate Lage vor, kaputte Panzer, demotivierte Soldaten, die Flotte ist zerstört und die verbliebenen Flugzeuge werden aufs Festland abgezogen - an seinen Blicken erkennt man, dass er weiss, auf welches Himmelfahrtskommando er geschickt worden ist.

Der weitere Verlauf wird wechselseitig aus der Sicht des Generals und des einfachen Soldaten Saigo (Kazunari Ninomiya) erzählt, die beide in Briefen an ihre Familie aus ihrer Perspektive die Situation beschreiben. Viel ist von japanische “Tugenden” wie Opfer, Pflicht und Ehre die Rede, die im Kontrast stehen zur ausweglosen Situation der Japaner, die in den folgenen Schlachtszenen wahl- und sinnlos sterben. Die fanatische Opferbereitschaft und Totessehnsucht der Japaner ist für westeuropäische Gemüter nur schwer nachvollziehbar, aber Eastwood schafft es, aus meisten Figuren dennoch glaubwürdige Charaktere zu machen.

Letters from Iwo Jima spart wie Flags of Our Fathers nicht mit Brutalität - Gliedmaßen werden abgerissen, Körper explodieren oder gehen in Flammen auf. Die brutalen Kampfszenen wechseln jedoch mit gespenstisch ruhigen Szenen in den Höhlen und unterirdischen Gängen von Iwo Jima, in die sich die japanischen Soldaten zu Beginn des Angriffs zurückgezogen haben.


Die Parallelität von Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima wird an vielen Kleinigkeiten deutlich. So warnt ein Offizier den Sanitäter Bradley, nicht zu sichtbar mit seinem Medizin-Kit rumzuschwenken, weil die Japaner Scharfschützen auf Sanitäter trainiert hätten. Und in der Tat, in Letters sehen wir ein Briefing, in dem die japanischen Soldaten angehalten werden, besonders auf Sanitäter zu schießen, weil dann 10 Soldaten ihr Leben riskieren würden, um ihn zu retten. Teilweise sieht man dieselben Szenen nur aus unterschiedlicher Perspektive, so z.B. wenn ein amerikanischer Flammenwerfer eine MG-Stellung beschießt - hier sehen wir die Szene aus Sicht der Soldaten im Bunker. Die parallelen Szenen sind aber nur sehr punktuell eingesetzt, in weiten Teilen ist Letters of Iwo Jima ein eigenständiger Film, der seiner eigenen Dramaturgie folgt. Die gehisste Flagge der Amerikaner auf dem Berg Suribachi ist hier nur für wenige Momente aus weiter Ferne zu sehen.

Letters from Iwo Jima ist ein sehr klassicher Anti-Kriegsfilm, bei dem man streckenweise nicht weiß, wo das “Anti-” beginnt und das “-kriegsfilm” aufhört. Was das ganze sehenswert macht, ist die ungewöhnliche Perspektive, bei der die amerikanischen Soldaten die namenlosen Gegner sind, die auch mal rücksichtslos Gefangene erschießen, und die für die japanischen Soldaten die Bedrohung für ihr Land und ihre Familien darstellen: “Wenn unsere Kinder für einen Tag länger in Sicherheit leben können, dann wird es einen Tag mehr wert sein, dass wir diese Insel verteidigen”, erklärt General Kuribayashi den Sinn des aussichtslosen Verteidigungskampfes . Die Sichtweise des Films ist natürlich grenzwertig, und blendet den vorangegangenen Angriffskrieg der Japaner inklusive Kriegsschuldfrage komplett aus, aber das ist auch nicht der Fokus des Films. Letztlich geht es darum, dass das Leben und Sterben der einfachen Soldaten auf beiden Seiten genauso tragisch ist. In einer Schlüsselszene liest ein japanischer Offizier den Brief eines gefallenen amerikanischen Soldaten vor, den dieser von seiner Mutter bekommen hatte. Im Vergleich zu den ganz ähnlichen Briefen der japanischen Soldaten, die den Film über aus dem Off gesprochen werden, wird deutlich, dass hier auf beiden Seiten der Front die Verlierer des Krieges stehen, die in ganz ähnlichen Situationen von ihren Familien getrennt dem Tod entgegen sehen. Und damits auch jeder versteht, läßt Eastwood in einer nachfolgenden Szene das ganze nochmal von einem japanischen Soldaten im Klartext aussprechen: “Die Worte seiner Mutter waren die selben wie die meiner Mutter”.

Letters from Iwo Jima, USA 2006 - deutscher DVD-Start: 22.06.2007
7 Punkte


1 Kommentar »

  1. Die enge Grauzone zwischen Kriegs- und Antikriegsfilm fällt mir auch sehr oft auf. Bin in dieser Hinsicht besonders gespannt auf die Ansichten beider Seiten.

    Gravatar Image Comment von bullion — 22.06.2007 @ 14:08

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