Filmkritik: Flags of our Fathers
Seit Saving Private Ryan sehen alle Kriegsfilme irgendwie ähnlich aus - wackelige Handkamera fährt durch die Soldatenreihen, links und rechts Granateinschläge, MG-Feuer und wahllos umfallende Sodaten, dass ganze in ein farbloses schlammiges grün-grau getaucht. Flags of our Fathers schafft es aber noch, der Private Ryan-Optik einen draufzusetzen - Das Sterben ist hier noch willkürlicher und brutaler, es fliegen Köpfe und Gliedmaßen durch die Luft, und das ganze ist bar jedes heroischen Untertons - die Helden sterben hier genauso sinnlos wie die Feinde. Um dem ganzen auch den letzten Anflug von Ruhm und Ehre zu nehmen, fahren die eigenen Panzer im Eifer des Gefechts über die amerikanischen Leichen. Im Gegensatz zu patriotischen Machwerken wie Flyboys wird hier auch nicht gleich jeder tote Amerikaner durch Vergeltung gerächt, um die patriotische Seele des Kinozuschauers zu beruhigen, sondern die ganze Sinnlosigkeit des Sterbens wird auf den Punkt gebracht.
Special effects mäßig ist das alles schon sehr imposant umgesetzt: Der von den Japanern verteidigte Berg Suribachi scheint geradezu zu explodieren vor Feuer, die Kamera folgt einem Flugzeug im Sturzflug durch das Kampfgebiet und am Horizont ist die gewaltige amerikanische Invasionsflotte zu sehen.
Flags of our Fathers handelt von der Schlacht um Iwo Jima, eine der verlustreichsten Schlachten gegen Ende des 2. Weltkrieges um eine japanische Insel. Das Kriegsgeschehen ist aber nur ein Teil der Geschichte, Flags of our Fathers zeigt vor allem Geschichte des weltberühmten Fotos vom Hissen der amerikanischen Fahne auf dem Berg Suribachi, das der Fotograf Joe Rosenthal für Associated Press aufnahm. Dieses Foto ging um die Welt als Zeichen des amerikanischen Siegeswillens, und wurde für Propagandazwecke entsprechend ausgeschlachtet (und diente z.B. als Vorlage für das War Memorial in Washington). Die Pointe bei dem Foto ist, dass das Bild nicht einmal den ursprünglichen Moment des Hissens der Flagge zeigt, sondern eine nachträgliche Inszenierung, weil (so stellt es zumindest der Film dar) ein hochrangiger Politiker die erste Fahne unbedingt als Souvenir haben wollte, und daher eine zweite gehisst werden musste. Die tatsächlichen oder vermeintlichen Helden, die die Flagge gehisst hatten, wurden auf Werbetour in die Heimat geschickt, um Kriegsanleihen zu verkaufen: “You fought for a mountain in the pacific, now we need you to fight for a mountain of cash.” bringt Präsident Truman ihren Auftrag auf den Punkt.
Die Story springt hin und her zwischen Krieg, Fundraising-Tour, und Jetzt-Zeit, in der ein Sohn die Story seines Vaters nachrecherchiert und ein Buch über Iwo Jima schreibt (der Film basiert auf diesem Buch von James Bradley). Das macht die Geschichte nicht unbedingt verständlicher, erlaubt aber ein paar effektvolle Schnitte zwischen inszenierter Heldenverehrung und realen Kriegserlebnissen. Überhaupt ist die Geschichte schwer auseinanderzuhalten zwischen echter und inszenierter Fahnenhissung, realen Ereignissen und nachträglicher Verklärung. Bei Kriegsfilmen ist es generell ein Problem, die Figuren auseinanderzuhalten, da sie in verdreckter Uniform bei verwackelter Handkamera alle gleich aussehen, hier kommt nochmal erschwerend hinzu, die jungen Soldaten des Kriegsgeschehens den ältere Männern in den Interviewszenen korrekt zuzuordnen. Das alles ist aber letztendlich nicht wirklich wichtig, die Botschaft des Filmes kommt auch so klar rüber. Die Helden fühlen sich nicht als Helden, sondern wollten schlicht nur überleben. Ihnen wird zunehmend klar, dass sie nur instrumentalisiert werden. Jeder Anflug von Pathos, der in den Kriegsszenen aufkommen kann, wird durch die direkte Gegenüberstellung mit der progandistischen Ausschlachtung entlarvt, wenn die Soldaten z.B. im Baseball-Stadion die amerikanische Flagge nochmal auf einem Pappmache Berg aufstellen sollen, um die Kriegsbegeisterung in der Heimat zu stärken.
Eastwood ist kein Mann der leisen Andeutungen, die Symbolik kommt gerne auch mal mit dem Holzhammer. Bezeichnend z.b. die Szene bei einem Fundraising-Dinner, bei dem es zum Dessert ein Eis in Form der 6 Männer beim Hissen der Flagge gibt. Zum weißen Eis wird Erdbeersoße gereicht, so dass die 6 Eisfiguren damit wie in rotem Blut getränkt werden.
Zur Aussage passt auch, dass der Film kein Wort über den Ausgang der Schlacht von Iwo Jima und ihrer Bedeutung für den Krieg verliert. Es geht hier nicht um Sieger oder Verlierer, sondern für die Soldaten schlicht ums Überleben. Zwar tauchen die Japaner hier auch nur als namenlose, fast unsichtbare Gegner auf, aber schließlich hat Eastwood ihnen gleich einen eigenen Film gewidmet.
Ein kluger Schachzug übrigens von Eastwood, eine solche Antikriegsbotschaft in einen Film zu verpacken, der aufgrund des Titels und des heroischen Plakats vermutlich gerade die patriotischen und kriegsbegeisterten Zuschauer anspricht.
Flags of our Fathers, USA 2006 - deutscher DVD-Start: 22.06.2007










